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Leserbriefe und Pressemitteilungen

Bodensatz der Gesellschaft

Unter der Überschrift "Die arme Armee" veröffentlichte die Zeitung "Die Welt" am 1.3.02 Auszüge aus einem internen Bericht an den Bundeswehr-Generalinspekteur, der der deutschen Armee desolate Zustände attestiert:



Der Titel des Textes klingt unverfänglich: Jahresbericht des Beauftragten für Erziehung und Ausbildung beim Generalinspekteur. Doch die Herren in Uniform staunten nicht schlecht, als sie in dem 30 Seiten langen Bericht zu blättern begannen: *Die Truppe steht nicht mehr vorbehaltlos hinter der militärischen Führung", war gleich zu Beginn zu lesen. Die Aufzählung setzt sich fort mit Schilderungen katastrophaler Verhältnisse bei Material, Ausbildung und Motivation. Der Nachwuchs bestehe nur noch aus *Bodensatz", und Wehrpflichtige seien nichts anderes mehr als *Handlanger". Die Bundeswehr erscheint nach diesen Schilderungen nicht mehr bedingt abwehrbereit, sondern am Rande des Abgrunds zu stehen.

Generalinspekteur Harald Kujat fand den Bericht seines Generals Dieter Löchel so brisant, dass er die Exemplare gleich wieder einsammeln ließ. Doch waren bereits einige Kopien gefertigt worden, so dass das Unheil seinen Lauf nahm. Auch Minister Rudolf Scharping und Politiker kommen schlecht weg: *Der politischen Leitung wird mit starken Vorbehalten begegnet", so das Fazit von General Löchel.

Scharpings Angaben von der hoch motivierten Armee mit guten Offizieren fallen bei der Lektüre wie ein Kartenhaus in sich zusammen: *Soldaten sagen aus, dass Kommandeure zunehmend rücksichtloser führen, um ihre Aufträge zu erfüllen, aber auch, um ihre Karriere nicht zu gefährden." Auf Fragen, so notierte Löchel in der Truppe, *erhält man keine substanziellen Antworten, sondern nur noch politisches Gelaber". Besonders scharf werden die schlechten Informationen zur Bundeswehrreform, zur Auflösung von Einheiten und Standorten kommentiert: *Mich hat es betroffen gemacht, dass wir, die im Einsatz waren, von der Auflösung unseres Bataillons aus der Zeitung erfahren haben", so ein von Löchel gesammeltes Zitat. In den im Auslandseinsatz stehenden Verbänden gebe es die Sorge, dass nach der Rückkehr *die besten Dienstposten vergeben sind". Ein Problem bei Auslandseinsätzen ist auch, dass nicht geschlossene Verbände, sondern aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengestellte Einheiten losgeschickt werden. Es handele sich um eine *zusammengewürfelte Truppe".

Keine Rede mehr von innerer Führung und vom Staatsbürger in Uniform. Sondern: *Unser letzter Chef war nur ganz kurz hier. Man hat das Gefühl, dass der sich gar nicht mit der Einheit identifiziert hat und den Posten nur für seine Karriere brauchte." Chefs und Offiziere würden zu häufig als *Demotivationsträger und Durchlauferhitzer" betrachtet * *nach dem Motto: Die Suppe, die ich einbrocke, muss ich nicht mehr auslöffeln".

Katastrophal die Situation bei Material und Fahrzeugen beziehungsweise Flugzeugen, die Löchel selbst als *teilweise desolat" bezeichnet: *Wir haben keine Ersatzteile, sondern nur Material, das immer älter und schlechter wird." Als Beispiel wird die ABC-Abwehrtruppe aufgeführt, die sich derzeit zu einem Manöver in Kuwait aufhält: *Mir graut, wenn ich im Fernsehen höre, die deutsche ABC-Abwehrtruppe sei die bestausgebildete und bestausgerüstete auf der Welt. Dabei sind wir nicht einmal in der Lage, einen einzigen Trupp zusammenzubekommen, der hundertprozentig seinen Auftrag erfüllen kann."

Ähnlich die Lage bei der Luftwaffe. Ein von Löchel erfasster Kommentar zur Einsatzbereitschaft: *Man fragt sich, ob denn oben überhaupt was ankommt. Das schönste Märchen ist unsere Klarstandsmeldung, da wird nur modifiziert und gelogen." Die von der Führung propagierte Nutzung moderner Techniken stößt unten auf ein Problem: Es gibt keine Computer, und wenn, dann ohne CD-Rom-Laufwerk. Elektronische oder auf Datenträgern übermittelte Informationen kommen teilweise überhaupt nicht an. Die Besatzung eines Marineschiffes war offenbar so von jeder Information abgeschnitten, dass sie von den Anschlägen am 11. September nichts mitbekam. Aus dem Bericht: *Wenn uns die Holländer nicht CNN auf Video aufgezeichnet und es mit dem Speed-Boat rübergeschickt hätten, hätten wir nichts erfahren."

Missstände auch in den Unterkünften: *Teilweise berichten die Soldaten von hygienischen Problemen in den Truppenküchen und Sanitärbereichen." Von zu niedrig eingestellten Heizungen und *Regulierung von Duschzeiten" ist die Rede.

Die Situation bei der Nachwuchsgewinnung erscheint katastrophal. Immer weniger Zeitsoldaten wollen noch Berufssoldaten werden: *Im 64. Offiziersanwärterjahrgang war keiner dabei, der Berufssoldat werden will." Für Interessenten sei die Bundeswehr oft nur *dritte Wahl", weil sie sich vorher vergebens bei Polizei und Grenzschutz beworben hätten.

Bei den eigentlich hoch motivierten Wehrdienst Leistenden werde zunehmend Klage über *Leerlauf" und *Rumdümpeln" geführt. Nach wie vor könnten die Soldaten nicht komplett eingekleidet werden. *Engpassartikel waren in diesem Jahr vor allem Flecktarnhosen und Kampfstiefel in gängigen Größen." Rekruten hätten gefragt: *Wieso zieht ihr uns denn ein, wenn ihr uns nicht vernünftig ausstatten könnt?" Die Klagen über die rückläufige Qualität bei den Wehrpflichtigen halten an, der Anteil an Problemfällen wachse. Wehrpflichtige, so heißt es, seien vielfach nur noch als *Handlanger" einsetzbar.

Die Rekrutierungspraxis der Kreiswehrersatzämter wird ebenfalls scharf kritisiert. Man setze dort auf *Quote statt Qualität". Wörtlich heißt es: *Insgesamt herrscht der Eindruck vor, dass man bei den Kreiswehrersatzämtern eher den Bodensatz der Gesellschaft einkauft." Die Wehrpflichtigen von heute würden keinen Durchschnitt der heutigen Jugend darstellen. Wehrdienstberater würden Soldaten mit falschen Versprechen ködern, um die offenen Stellen aufzufüllen. Ein Offizier der Fallschirmjäger wird mit der Bemerkung zitiert, er habe Soldaten bekommen, die nicht voll tauglich gewesen seien *und zudem noch sprungunwillig sind".

Bei den schlechter bezahlten Soldaten aus den neuen Bundesländern sei eine *Mischung aus Resignation und Aufwallung der Gefühle" zu beobachten. Der Begriff *Armee der Einheit" werde nicht mehr akzeptiert, *da er einen krassen Widerspruch zur erlebten Realität darstellt".

Scharping beklagte gestern erneut einen zu späten Beginn der Bundeswehrreform und sprach von einem raschen Wandel von der territorialen Verteidigungs- zur Einsatzarmee, den das *politische und öffentliche Bewusstsein" nur schwer aufnehmen könne. Der Bericht kommt zu einer anderen Aussage: *Die hohe Führung hat das Tempo eines Formel-1-Wagens vorgelegt, und jetzt ist der Sprit ausgegangen."

Der FDP-Wehrexperte Günther Nolting sagte der WELT, er habe dieselben Erfahrungen gemacht wie General Löchel: *Die Stimmung ist so mies, wie ich es in 15 Jahren noch nicht erlebt habe." Die Soldaten würden keine Perspektive mehr sehen, es werde immer schlechter. Der Arbeitsplatz Bundeswehr werde immer unattraktiver. Auch die mit sechs Monaten zu langen Auslandseinsätze seien ein Problem. *Ich bin froh, dass General Löchel das mit dieser Klarheit aufgeschrieben hat", so Nolting.

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Zuletzt geändert: 09.07.2006