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Türkei: Kriegsdienstverweigerer Mehmet Bal im Hungerstreik

Weiter Unterstützung erforderlich

Wie uns das Solidaritätskomitee Izmir mitteilte, wurde Mehmet Bal nach
seiner Verhaftung am 24. Oktober 2002 wegen "Entfremdung des Volkes
vom Militär" und "wiederholtem Ungehorsam" angeklagt und am 25.
Oktober ins Militärgefängnis von Adana eingeliefert.

Mehmet wurden gewaltsam die Haare geschnitten. Man zwang ihm eine
Uniform auf, die er aber bei jeder Gelegenheit wieder auszog. Er wurde
in eine Zwei-Personen-Zelle geführt und trat dort am selben Tag in den
Hungerstreik.

Nun wird er jeden Tag zur ärztlichen Untersuchung gebracht. Der Oberst
begründet dies mit Sorge um seine Gesundheit. Anzunehmen ist aber,
dass es sich um eine verdeckte Schikane handelt, weil Mehmet jedes
Mal, wenn er die Zelle verlässt, die Uniform wieder anziehen muss und
in Handschellen gelegt wird, damit er sie sich nicht ausziehen kann.

In Ankara, Istanbul und Izmir sind Solidaritätskomitees für Mehmet Bal
entstanden. Drei AnwältInnen verfolgen den Fall und setzen sich gegen
die Misshandlung im Militärgefängnis ein.

Zur Unterstützung des Kriegsdienstverweigerers Mehmet Bal bitten wir darum,
Protestschreiben an das Militärgericht in Adana zu senden. Unter
http://www.Connection-eV.de/Tuerkei/Mehmet_Bal.html kann ein Entwurf (in
deutsch und türkisch) eingesehen und heruntergeladen werden. Auf der
Seite finden sich auch weitere Informationen.


————————————————————————-
Mail Nr. I vom 30. Oktober

TÜRKEI: Kriegsdienstverweigerer Mehmet Bal inhaftiert

Am Donnerstag, den 21. November 2002, meldete sich Mehmet Bal in der
Militäreinheit und erklärte seine Kriegsdienstverweigerung. Er wurde
sogleich verhaftet und am nächsten Tag in das Militärgefängnis in
Adana überstellt. Connection e.V. fordert die türkische Regierung zur
Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung auf. Kriegsdienstverweigerer
dürfen nicht zum Militär einberufen werden.

Mehmet Bals Weg zur Kriegsdienstverweigerung ist ungewöhnlich. An ihrem
Anfang steht die Begegnung mit Osman Murat Ülke, dem ersten türkischen
Kriegsdienstverweigerer. Als Osman Murat Ülke Ende 1996 ins Militärgefängnis
kam, wurde er in eine Gemeinschaftszelle gebracht, deren Zellenchef Mehmet Bal
war. Mehmet Bal war wegen Mordes angeklagt worden und trat anfangs Osman
Murat Ülke ablehnend gegenüber. Weiter berichtet Osman Murat Ülke: "Zunächst
grenzte er mich aus, als ich aber nach einem Monat wegen einer erneuten
Verurteilung wieder in diese Zelle gebracht wurde, waren er und seine
Zellengenossen überrascht: Sie sahen, dass meine Kriegsdienstverweigerung
eine ernsthafte Entscheidung war. Wir fingen an, über Ethik, Religion, Politik,
Nationalismus, Philosophie und anderes zu diskutieren. Mehmet Bal begann
zudem, Bücher zu lesen, die mir von meinen Freunden gebracht wurden. Seine
Ansichten kamen mehr und mehr ins Wanken und veränderten sich gravierend."

Mehmet Bal wurde 1999 wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe
verurteilt. Nach einer Amnestie entließ man ihn vor vier Monaten aus
der Haft und übergab ihm zugleich einen Marschbefehl zu seiner Einheit
in Mersin. Er verweigerte dort das Tragen einer Waffe. Das wurde
akzeptiert, Mehmet Bal hatte seinen Militärdienst in der Bücherei
abzuleisten. Am 18. Oktober 2002 erhielt er vier Wochen Urlaub.

Da er auch im unbewaffneten Dienst die Hierarchie und Gewalt des
Militärs nicht aushielt, entschied er sich, den Militärdienst nicht
wieder anzutreten, sich am Ende seines Urlaubs bei der Einheit zu
melden und mit folgender Erklärung zu verweigern:
 

Ich verweigere!

Ich war neuneinhalb Monate lang Soldat und habe mich am 18. Oktober
2002 entschieden, nicht mehr zu "dienen" und meine
Kriegsdienstverweigerung zu erklären. Ich werde die Gründe, die mich
zu dieser Entscheidung geführt haben, kurz zusammenfassen:

Der Militarismus sieht die Vernichtung als eine Methode zur Lösung von
Problemen an. Er legitimiert sich mit verschiedenen Argumenten und
entzieht sich mit Hilfe von Gesetzen der Verantwortung für die Folgen
seiner Taten. Natürlich geschieht dies in Einvernehmen mit den
Herrschenden. Damit dient der Militarismus einerseits den Zielen der
Herrschenden und schafft sich andererseits seine finanziellen Quellen.
Dieses wechselseitige Zusammenspiel ist beständig. Wer immer sich
gegen dieses Zusammenspiel stellt und Widerstand leistet, wird mundtot
gemacht, bestraft oder sogar eliminiert. Die Geschichte ist voll
solcher Beispiele. Jedes Mal werden verschiedene Versionen des
gleichen Spiels inszeniert und erfolgreich abgewickelt. Dieser Ablauf
ist derart offensichtlich, dass mensch trotz aller Versuche, ihn zu
ignorieren, unweigerlich auf das eigene Gewissen stößt - welches der
Verleugnung die Wahrheit entgegensetzt. Doch der als Vernunft
verkleidete Konformismus blockiert diese Einsicht immer wieder mit
verschiedensten Begründungen und fordert Ignoranz oder sogar die
freiwillige Komplizenschaft im Spiel. Selbst wenn der Mensch sich in
die sichere Hülle dieser "Vernunft" begibt, ist diese Sicherheit auf
lange Dauer trügerisch.

Ein anderer elementarer Bestandteil des Militarismus ist der
unbedingte Gehorsam. Die Wege, die zu diesem Gehorsam führen, werden
mit großer Sorgfalt vorbereitet. Der Zwang fängt schon mit der
Einführung in die sogenannten Sicherheitsbedürfnisse der Region und
Gesellschaft an, in die mensch hinein geboren wird. Wer dann an die
Reihe kommt, für den/die ist die Teilnahme obligatorisch. Die Person
wird dabei nicht nach ihrer Meinung gefragt. Die Argumente stehen
schon bereit, auf diesem Weg begangene Taten werden heilig gesprochen
und als Maßstab genommen. Die Gesellschaft und selbst die Eltern haben
keine Zweifel an der Heiligkeit dieser Taten. Sie sind bereit, ihre
Kinder für diesen Weg zu opfern und übernehmen ihre Rolle, um ihre
Kinder dieser Anforderung anzupassen. Selbst wenn es Ausnahmen gibt,
kann die Mehrheit sich eine Alternative nicht einmal vorstellen.

Die durch den Militarismus angezettelten Kriege schaden nicht nur den
Menschen. Welche Begründung kann Zerstörung durch nukleare und
biologische Waffen rechtfertigen? Die Inhaber dieser Waffen, die diese
- ihren eigenen Behauptungen nach - als Garanten für die Sicherheit
der Menschen horten, wissen dabei selbst genau, in welchen Zustand sie
die Welt versetzen würden, falls sie diese Waffen tatsächlich
einsetzen sollten. Natürlich sind sie sich dieses Widerspruchs
bewusst.

Die momentane Situation, in der sich die Welt befindet, spiegelt diese
Spiele recht deutlich wider. Jeder und jede weiß, dass es der USA und
ihren Befürwortern, die den 11. September als Vorwand genutzt haben,
um Afghanistan zu bombardieren und jetzt den Angriff auf Irak
vorzubereiten, nicht um Sicherheit etc. geht. Doch die sicheren Arme
der "Vernunft" scheinen alle zu umschlingen. Wie kann das Gewissen der
Menschen im Angesicht einer Landschaft mit zerbombten Lebewesen ruhig
bleiben? Ist es nicht wahr, dass die USA und ihre Befürworter Kraft
aus der Tatsache schöpfen, dass die Resonanz auf Aufrufe gegen den
Krieg so gering ist? Natürlich sollte sich niemand auf Andere
verlassen. Diese Entscheidungen müssen Ergebnis einer inneren
Reflexion sein. Genauso wie Big Brother uns vor die Wahl stellt, für
oder gegen ihn zu sein, müssen wir entscheiden, ob wir den Krieg
wollen oder nicht. Denn die kriegerische Logik durch Zerstörung
aufzubauen, die ihre Waffen heute auf andere richtet, kann diese
morgen genauso gegen mich richten.

Sowohl meine bitteren Erfahrungen aus meinem bisherigen Leben, als
auch meine Beobachtungen während neuneinhalb Monaten Kriegsdienst,
haben mir klar gemacht, dass ich die Stimme meines Gewissens nicht
weiter verleugnen kann. Ab jetzt werde ich mir von keiner
militärischen oder zivilen Autorität, keiner Person oder Institution,
Haltungen und Handlungen aufzwingen lassen, die im Widerspruch zu
meinem Gewissen und meinem Willen stehen, und erkläre der
Öffentlichkeit hiermit meine Kriegsdienstverweigerung.

Nur kurz will ich noch den bisherigen Ablauf skizzieren. Im Mai 1995
trat ich den Kriegsdienst an. Am 9. September 1995 wurde ich wegen
einer Straftat verhaftet. Nach ca. sieben Jahren Gefängnis wurde ich
am 23. Mai 2002 entlassen und sofort wieder an die Kaserne weiter
geleitet, wo ich bis zum 18. Oktober 2002 "gedient" habe.

Ich will unterstreichen, dass ich nicht vorhabe zu desertieren. Ich
werde mich ein weiteres Mal in die Einheit begeben und Militärausweis
und -kleidung abgeben.

Mehmet Bal

Email:
rohwedder@bewegungsstiftung.de
--
Informationen und Ansichten aus der antimilitaristischen,
feministischen und gewaltfreien Basisarbeit in der Tuerkei.
Fragen an: ankajoe3@hotmail.com

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Zuletzt geändert: 09.07.2006