Vergiftung durch Uranmunition Ein Bundeswehrsoldat kam im Kosovo ums Leben. Die Eltern fürchten Vergiftung durch Uranmunition

Junge Welt online 04.12.2013 / Inland / Seite 2 Inhalt

»Seit 13 Jahren vertröstet und belogen«

Ein Bundeswehrsoldat kam im Kosovo ums Leben – die Eltern fürchten Vergiftung durch Uranmunition. Ein Gespräch mit Udo Horn

Interview: Frieder Wagner
Udo Horn ist der Vater von André Horn, der vor ­13 ­Jahren als Bundeswehrsoldat im Kosovo ums Leben kam

Ihr Sohn André war vor 13 Jahren Soldat in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo. Ende Januar 2000 fühlte er sich krank und ging morgens ins Feldlazarett in Prizren, am späten Abend um 23.32 Uhr war er tot. Was war passiert?

Montag, den 31. Januar, erhielt ich von einem Offizier der Bundeswehr einen Anruf, es war so um 23.30 Uhr. Der Mann sagte mir, daß sie André nach Deutschland ausfliegen werden, weil er sehr krank sei. Meine Frau und ich waren natürlich sehr aufgeregt, und ich versuchte, telefonisch zu erfahren, was er denn habe, aber ich bekam nichts heraus. Wir konnten aber auch nicht schlafen. Um halb vier klingelte es dann an der Haustür, und da ahnte ich schon: sie bringen uns die Todesnachricht – und so war es.

Was war denn die Todesursache?

Die haben wir erst Tage später erfahren, durch den Befund eines Pathologen der Bundeswehr. Man schrieb uns, André sei an einer Meningokokkensepsis gestorben. Da ich damit nichts anfangen konnte, forderte ich die Krankenakte an. Dort las ich, daß Andrés Herz um 22.52 Uhr aufhörte zu schlagen. Ich war wie vom Donner gerührt, denn der Offizier, der uns wenige Tage vorher um 23.30 Uhr angerufen hatte, hatte uns gesagt, daß André nach Hamburg oder Berlin ausgeflogen werden sollte. Da spürte ich zum ersten Mal, daß uns nicht die Wahrheit gesagt wurde!

Was haben Sie daraufhin getan?

Ich habe Medizinbücher gewälzt, Ärzte befragt, mir einen Anwalt genommen. Der hat den damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) um Aufklärung gebeten. Darüber vergingen viele Monate. Anhand der Krankenakte haben wir dann festgestellt, daß der Tagesablauf im Feldlazarett fehlerhaft dokumentiert ist. Wir stellten auch fest, daß André zweimal kollabiert ist und trotzdem nur wegen Magen- und Darmgrippe behandelt wurde.

Sie haben die Bundeswehr und die Ärzte verklagt. Die Klage wurde abgewiesen. Warum haben Sie den jetzigen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) angezeigt?

Ich habe über all die Jahre mit allen Verteidigungsministern korrespondiert. Ich wollte, daß der Fall wieder aufgenommen wird, daß André exhumiert wird. Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte mir in einem persönlichen Gespräch zugesichert, die Kosten dafür zu übernehmen. Sein Nachfolger de Maizière hat das aber abgelehnt.

Warum jetzt eine Exhumierung?

Über die Jahre habe ich mit vielen Journalisten gesprochen. Einer hat mich darauf hingewiesen, daß in Bosnien 1995 und im Kosovo 1999 relativ viel Uranmunition von der NATO eingesetzt wurde. Und in einem IPPNW-Report vom Dezember 2012 heißt es, daß in Italien 109 Soldaten an den Auswirkungen von Uranmunition, die radioaktiv und hochgiftig ist, gestorben sind. 16 Familien haben gegen das italienische Verteidigungsministerium auf Wiedergutmachung geklagt, alle haben recht bekommen.

Geht es Ihnen also auch um Wiedergutmachung?

Seit 13 Jahren kämpfe ich darum, die wahre Todesursache zu erfahren. Seit 13 Jahren werden meine Frau und ich hingehalten, vertröstet, sogar belogen! 13 Jahre Ungewißheit, das ist seelische Folter. Als Eltern haben wir das Recht, die Wahrheit zu erfahren.

Wie lautet Ihre Strafanzeige?

Verdacht auf Angabe einer falschen Todesursache, Verdacht auf Tötung durch den Einsatz von Uranmunition und anderer Schwermetalle, Vertuschung der Gefährlichkeit von Uranmunition und anderer Schwermetalle sowie Verdacht auf unterlassene Hilfeleistung mit Todesfolge.

Auf was stützen Sie sich dabei?

Besonders auf zwei Gutachten. Das eine stammt von Prof. Dr. Siegwart-Horst Günther, ein Arzt, der seit 1991 auf die Gefahren von Uranmunition aufmerksam macht. Das zweite hat der Isotopengeochemiker Prof. Dr. Peter Horn verfaßt, der übrigens nicht mit mir verwandt ist. Er hat in einer Massenspektroanalyse von Bartstoppeln meines Sohnes nachgewiesen, daß in diesen Haarresten auf das Gramm hochgerechnet 276 Mikrogramm hochgiftiges Blei enthalten sind. Mein Sohn kann also auch durch eine Bleivergiftung erkrankt und gestorben sein.