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"Soldaten sind Mörder"

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22. Erleichterung des Soldatengewissens

besteht darin, daß Soldat sich einredet, er habe mit dem Krieg nichts zu tun. Jawohl, der Soldat will auch keinen Krieg, aber trotzdem ge­hört der Soldat zum Krieg wie der Mörder zum Mord. Und wie viele Mörder sagen vor Gericht, sie haben den Mord nicht gewollt?

Daß Krieg gleich Mord ist, dazu sagen auch viele Soldaten ja.

Daß Soldaten Mörder sind, da rührt sich Widerspruch.

Nur: wer Krieg mit Mord gleichsetzt, der muß auch Soldaten mit Mördern gleichsetzen. Denn es gibt keinen Mord ohne Mörder.

Der Sozialwissenschaftler Heinz-Ulrich Kohr stellte in einer reprä­sentativen Studie „Zur Entstehung von Orientierungen gegenüber dem Militär“ fest, daß die Aussage

„Der Krieg ist nichts anderes als öffentlich gerechtfertigter Mord“ von 34,4 % Befragten abgelehnt wurde und von 65,6% nicht abge­lehnt. In der Teilgruppe der konsistenten Militärgegner wurde die Aussage von 4,3% abgelehnt, von über 95,7 % nicht abgelehnt. In der Teilgruppe der konsistenten Militärbefürwortern wurde die Aus­sage von 63 % Befragten abgelehnt, von über 37 % nicht abgelehnt.

Von der Wahrheits- und Versöhnungskommission hatte der südafri­kanische Offizier Johan Opperman auf die Frage, ob er ein Mörder sei, geantwortet „Ja, das bin ich“.

Die Soldaten des Darmstädter Signals haben in einer Zeitungsanzeige ihre Zustimmung zur Aussage „Soldaten sind Mörder“ zum Ausdruck gebracht. Oberstleutnant Helmut Priess schreibt (in FR 8.3.96) dazu: „Das Soldatenhandwerk allgemein darf - auch schärfster - Kritik nicht entzogen werden. Wer will widersprechen, wenn die Bombar­dierung britischer oder deutscher Städte oder die zig Geiselerschie­ßungen z: B. auf dem Balkan durch Wehrmachtseinheiten als Mord bezeichnet werden; oder die Massaker in My Lai oder Spielzeugmi­nen in Afghanistan; oder die völkerrechtswidrige, systematische Vernichtung der El- und Wasserversorgung Iraks im Golfkrieg. Ist die CDU/CSU etwa der Meinung, im ehemaligen Jugoslawien oder z.B. in Grosny fände (hundertfach) kein Mord statt. War und ist die CDU/CSU der Meinung, daß beim Einsatz von Atomwaffen, wie es die NATO-Verteidigungsstrategie bis heute nicht ausschließt, kein Völkermord passiert?“

Titanic

Und ein Soldat im 27. Dienstjahr schrieb in einem Leserbrief an die „Wilhelmshavener Zeitung:

„Und eines ist doch nicht von der Hand zu weisen. Wir Soldaten werden nicht nur in Staatsbürgerkunde, Lebenskunde und Sport aus­gebildet, sondern in erster Linie dazu, Menschen zu töten und Dinge zu zerstören, um damit nämlich unseren Auftrag im Verteidigungsfall zu erfüllen. … Und dabei müssen wir nicht nur den Tod des Feindes, sondern sogar auch den eigenen billigend in Kauf nehmen.“

Und in der Süddeutschen Zeitung schrieb ein Soldat:

„Ich bin als Gefreiter wie jeder Soldat ein potentieller Mörder: In einem potentiellen Krieg bin ich gezwungen, zu töten. … Kein Soldat ist wegen seines Berufes Mörder, aber wie unzählige Kriegsverbre­chen auf allen Seiten in allen Kriegen gezeigt haben, läuft jeder Mensch Gefahr, in der unmenschlichen Ausnahmesituation eines Krieges zum Mörder zu werden.“

Soldaten, die sich dessen bewußt sind, bieten Anlaß zur Hoffnung. Mit einem Soldat, der sich mit der Frage des Tötens auseinander­setzt, mit dem finden wir vielleicht auch einen Konsens.

Ich hatte am 8.5.1989 in Sachen „Soldaten sind Mörder“ eine Verfahrenseinstellung er­reicht. Seitdem sind die von mir und der DFG-VK verbreiteten Plakate nun mit richterli­cher Billigung erhältlich und immer mal wieder im Stadtbild zu sehen. In der von Bundes­wehr / Bundesverteidigungsministerium herausgegebenen Marinezeitung „Blaue Jungs“ erschien eine Abbildung des Plakates (wie hier auf Seite 22) neben folgendem Text:

„Soldaten laden Kriegsdienstgegner ein

„Soldaten sind Mörder“; diese provozierende Überschrift eines Plakates hatte Wehr­pflichtige des 1. Minensuchgeschwaders so sehr gereizt, daß sie ihren Vorgesetzten eine Diskussion mit den Verantwortlichen vorschlugen. Bei dem Plakat handelte es sich um die Grafik einer Titelseite des Buches „Soldaten sind Mörder“ von Gerhard Zwerenz. Die Flensburger DFG-VK wurde daher zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Bei den Wehr­pflichtigen stieß die Veranstaltung auf ein unerwartet großes Interesse, so daß aus räum­lichen Gründen der Teilnehmerkreis begrenzt werden mußte. Insgesamt 25 Teilnehmer trafen sich im Besprechungsraum des 1. Minensuchgeschwaders bei Mineralwasser und entspannter Atmosphäre, um ihre gegenseitigen Standpunkte und Meinungen auszutau­schen. Der wehrpflichtige Geschwaderarzt Dr. Kurt Helge Rimkus hatte mit der Diskussi­onsleitung keinerlei Probleme, da alle Beteiligten -, hauptsächlich Wehrpflichtige - sach­lich und ohne wogende Emotionen ihre Positionen einbrachten und jeder geduldig und respektvoll dem Andersdenkenden zu lauschen vermochte. So war nach Abschluß des Abends zwar keine Annäherung der Parteien zu verzeichnen (wer hatte das auch erwar­tet?), aber die Qualität dieser ungewöhnlichen Runde veranlaßte beide Seiten zu positiven Schlußworten. Schließlich hatte man nicht nur Klischeevorstellungen und Vorurteile ab­bauen können, sondern den demokratisch direkten Gesprächsweg gefunden. So vermerkte Dr. Ralf Cüppers, Landesvorsitzender der DFG-VK in Hamburg und Schleswig-Holstein, er sein nach jahrelanger Aktivität erstmals in eine Kaserne eingeladen worden und lobte die Gesprächsbereitschaft der Soldaten. Man versprach, sich in Zukunft „die Tür gegen­seitig offen zu halten“.

Die Beschreibung der „Blauen Jungs“ entspricht durchaus den Tatsachen. „Soldaten sind Mörder“ war der Anlaß, mich zu einer politischen Diskussion in die Kaserne einzuladen. Es war möglich, mit den Wehrpflichtigen über „Soldaten sind Mörder“ sachlich zu disku­tieren. Ein Wehrpflichtiger hatte dort seinen Kameraden widersprochen, die behaupteten, daß die Schießausbildung auf das Kampfunfähigmachen und nicht auf das Töten von Men­schen abzielt. Warum befindet sich denn dann die höchste Punktzahl auf der Stirn des Pappkameraden bei der Schießausbildung?. „Ich muß mich wohl getäuscht haben, denn ich erfüllte meine Übungen, indem ich den Soldaten recht häufig tötete, am Leben blieb er nur bei einer fünf oder geringeren Punktzahl und dies hätte zur Sollerfüllung keineswegs ausgereicht.“ Der Wehrpflichtige kam zu unserem nächsten Kriegsdienstverweigerer-Treff. Er hatte genau diese Diskussion in seiner KDV-Antragsbegründung wiedergegeben und wurde damit selbstverständlich anerkannt.

Die Menschen, die noch Soldaten sind, sind eben potentiell keine Mörder!



selbstgestaltete Plakatwand der DFG-VK Flensburg

Sie sind dann keine Mörder, wenn es keine Armeen mehr gibt und keiner mehr töten „muß“. Um dahin zu kommen, halte ich die Ächtung des Berufes des Soldaten für erstre­benswert, - wohlgemerkt nicht die des einzelnen Mannes, der aus welchen Gründern auch immer noch Soldat ist. Schließlich war über viele Jahrhunderte die Todesstrafe so selbst­verständlich wie das Militär heute. Und über viele Jahrzehnte war der Beruf des Henkers dennoch geächtet, obwohl es die Todesstrafe immer noch gab, bis sie endlich mit dem Grundgesetzartikel 102 abgeschafft wurde. Die gesellschaftliche Ächtung des Berufes des Henkers ging der Abschaffung der Todesstrafe lange voraus.

Die gesellschaftliche Ächtung des Berufes des Soldaten wird der Abschaffung der Bun­deswehr vorausgehen. Denn dies heißt ja nicht, die einzelne Person zu verachten:

„Manchmal - das ist unvermeidbar auf Reisen - sehe ich Fahrzeuge der Bundeswehr. Sehe ich Soldaten. Sie haben Vorgesetzte, die sich diesen Beruf auserwählt haben. Frei­willig und für immer. Ich muß mich zwingen, mir nicht Situationen auszumalen, in denen ich sie öffentlich verachten und brüskieren könnte. Ich rede ja auch mit Nutten und Zuhäl­tern freundlich. Man darf gefallenen Menschen gegenüber nicht grausam sein. Auch ge­genüber Offizieren nicht,“ so der Publizist Werner Schneyder (*1937) als „sechsund­vierzigjähriger Mann mit einer mörderischen Wut auf Mörder.“

Kurt Tucholsky schreibt „über wirkungsvollen Pazifismus“:

„Ich glaube, daß man weiter kommt, wenn man die Wahrheit sagt:

Daß niemand von uns Lust hat, zu sterben - und bestimmt keiner, für eine solche Sache zu sterben. Daß Soldaten, diese professionellen Mörder, nach vorn flie­hen. Daß niemand gezwungen werden kann, einer Einberufungsorder zu folgen - daß also zunächst einmal die seelische Zwangsvorstellung auszurotten ist, die den Menschen glau­ben macht, er müsse, müsse traben, wenn es bläst. Man muß gar nicht. Denn dies ist eine simple, eine primitive, eine einfach große Wahrheit: Man kann nämlich auch zuhause bleiben. Und man kann nicht nur zuhause bleiben. Wie weit zu sabotieren ist, steht in der Entscheidung der Gruppe, des Augenblicks, der Konstellation, das erörtert man nicht the­oretisch. Aber das Recht zum Kampf, das Recht auf Sabotage gegen den infamsten Mord: den erzwungenen, das steht außer Zweifel.

Und leider, außerhalb der so notwendigen pazifistischen Propaganda. Mit Lammsgeduld und Blöken kommt man gegen den Wolf nicht an.“

In diesem Sinne: schaffen wir die Bundeswehr ab.


 

Ostermarsch 1999 während des NATO-Krieges vor dem Bundesluftwaffenstützpunkt
in Jagel (bei Schleswig): „Soldaten sind Mörder“ und „Bundeswehr abschaffen“ -
zwei Grundaussagen, die einfach zusammen gehören.

 


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Zuletzt geändert: 09.07.2006