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- Krieg als Krankheit

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Emil Flusser

 

Krieg als Krankheit           

 

Geleitwort von

Prof. Albert Einstein

 

 

 

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Verlag: Paul Riechert, Heide in Holstein.

Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen

vorbehalten. Copyright 1932 by Paul Reichert, Heide i. K.

Druck von Paul Reichert, Heide in Holstein.

Umschlagzeichnung nach Entwurf von

Dr. Karl Fleischmann, Budweis.

Krieg und Sittengesetz.

Der Krieg in der philosophischen Ethik.

Der Krieg ist heute durch den Kelloggpakt offiziell geächtet. Vor 15 Jahren wurde er offiziell heilig gesprochen. In der Wellenlinie zwischen heilig und verächtlich bewegt sich die ethische Wertung des Krieges nunmehr seit Jahrhunderten. Die Menschheit hat sich also nicht einmal darüber noch ein bleibendes Urteil bilden können, ob die Art, wie Menschen im Kriege gegen Menschen vorgehen, vom Standpunkt der Moral zu ächten oder heilig zu sprechen ist.

Heute sind sich die meisten Menschen darüber klar, daß der Krieg verwerflich war. Aber im nächsten Kriege, für den nie dagewesene Heereswaffen und technische Mittel bereitstehen, kann es geschehen, daß wir oder unsere Kinder wieder unter die Waffen eilen, überzeugt, daß der Krieg gegen den Erbfeind heilige Bürgerpflicht ist und daß nur pflichtvergessene Feiglinge sich drücken.

Warum wechselt das Urteil über Gut und Böse? Wie ist es zu erklären, daß etwas, was heute geächtet ist, morgen heilig sein kann?

Das Sittengesetz, das über Gut und Böse entscheidet, kann von drei verschiedenen Seiten stammen: Vom Staate, von der Religion, von einzelnen Denkern. Die Verfassung des Staates kann wechseln und wechselt besonders in kritischen Situationen. Die Gesetze der Religionen stammen aus längst vergangenen Zeiten, sind - soweit sie bürgerliche Normen ausstellen - auf heutige Verhältnisse schwer anwendbar und lassen die verschiedensten, vielfach entgegengesetzten Deutungen zu. Gibt es nun keinen einzigen Denker, der die Menschheit gelernt hätte, Gut und Böse zu unterscheiden, daß sie in Zeiten so schwerer Entscheidungen wie Krieg und Frieden sich bei ihm sicheren Rat holen könnte?

Der scharfsinnigste Sittenlehrer und einer der tiefsten Denker aller Zeiten ist Immanuel Kant. Sein berühmter Kategorischer Imperativ verlangt von Menschen, daß er so handle, daß der Grundsatz seines Handelns gleichzeitig das Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könne. Darin liegt nach Kant der Adel und die Würde des Menschen, daß er mit Hilfe seiner Vernunft erkennt, was Gut und was Böse ist und immer nur das Gute will. "Es ist nirgendwo etwas in der Welt und auch außerhalb der Welt denkbar, was ohne Einschränkung könnte für gut gehalten werden, als allein ein guter Wille." "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je tiefer und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir."

Dieses gewiß ehrwürdige Gesetz Kants läßt nun sowohl die Ächtung als auch die Heiligung des Krieges zu. Das moralische Gesetz im Menschen verbietet ihm andere Menschen zu töten. Anderseits ist es heilige Pflicht des Bürgers, die Gesetze seines Vaterlandes zu achten und sein Vaterland gegen den Feind zu verteidigen. Kann er dieses Gesetz nicht akzeptieren, bei dessen Befolgung er andere Menschen töten muß, dann muß er folgerichtig sein Vaterland verlassen, und dort leben, wo es keine Wehrpflicht gibt. Es kann also das, was den Meisten als die unsittlichste Tat der Welt gilt, der Weltkrieg, vor dem erhabensten aller Sittengesetze, Kants Kategorischem Imperativ, bestehen.

Wenn das der Fall ist, dann ist die Ethik Kants von Grund auf anzuzweifeln. Tatsächlich ist die Ethik Kants dualistisch: Seine Vorstellung von Leib und Seele ist biblisch und nicht naturwissenschaftlich. Im Körper wohnt eine Seele, die ist Trägerin der Vernunft und als solche verantwortlich für das Tun und Lassen des Menschen. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis aber, die auf täglicher Erfahrung aufgebaut ist, sagt uns, daß es keine Veränderung des Körpers gibt, die nicht auch die Seele verändern würde. Verändert sich der Chemismus des Blutes etwa in dem Sinne, daß der Schilddrüsensaft darin fehlt, dann wird der Mensch geistig träge, keine Urteilsfähigkeit liegt darnieder, er verfällt bis zu tierischer Stumpfheit. Siedelt sich die Spirochäte pallida in feinem Zentralnervensystem an, dann verliert der Mensch den letzten Rest von Vernunft. Zahllos sind die Möglichkeiten, die die Urteilsfähigkeit des Menschen, also auch die Fähigkeit für ethische Wertungen verändern, ganz abgesehen von so groben Störungen wie die eben angeführten.

Der ideale Mensch, der jenen höchsten Adel der Seele besäße, welcher ihn Gut und Böse erkennen und immer das Gute wollen läßt, immer unbeeinflußt von den Wandlungen der Welt um ihn und den Schwankungen seines körperlichen Befindens, dieser ideale Mensch existiert nicht.

Nur der gute Wille einer von äußeren und inneren Einflüssen völlig freien Persönlichkeit führt zur guten Tat.

Daß es eine solche Persönlichkeit nicht geben kann, ist der Wert des Kantschen Sittengesetzes nur ein ideeller und das Gesetz hat für das praktische Leben keine Geltung.

Medizinische Ethik.

Ich betrachte den Krieg als Folge einer krankhaft veränderten Urteils- und Willenskraft des Menschen und will in der vorliegenden Schrift diese Betrachtungsweise rechtfertigen.

Als Krankheit ist der Krieg jenseits von Gut und Böse, kann also ebensowenig geächtet werden wie etwa Tuberkulose, kann aber auch nie heilig gesprochen werden. Eine Krankheit ist eine Naturerscheinung, ist biologisches geschehen, ein Lebensvorgang. Gewiß kann ich auch Lebensvorgänge daraufhin prüfen, ob sie sittlich sind oder nicht. Aber als Arzt muß ich als das Wertvollste und Ehrwürdigste der Erde das Menschenleben und die menschliche Lebensgemeinschaft ansehen. Eine Handlung, welche das Leben und die menschliche Lebensgemeinschaft fördert, ist sittlich, die welche sie schädigt, ist unsittlich. Das Leben fördernd bedeutet dasselbe wie gesund, das Leben schädigend, soviel wie krankhaft.

Während also die philosophische Ethik, insbesondere Kant, zwischen gutem und bösen Willen unterscheidet, kennt die medizinische Ethik nur eine gesunde und eine krankhaft veränderte Willenskraft. Der gute oder schlechte Wille, der in der Ethik Kants dafür maßgebend ist, ob eine Tat sittlich ist oder nicht, ist in der medizinischen Ethik nebensächlich und es kommt ihr hauptsächlich auf die Urteilsfähigkeit des Handelnden an, also ob aus seiner Handlungsweise ersichtlich ist, daß der Handelnde Leben fördernd und Leben schädigend unterscheiden kann. Da der Krieg immer mit seelischen Veränderungen einhergeht, die diese Urteilsfähigkeit aufheben, so führt er auch beim bestem willen des Einzelnen zu Handlungen, die Leben und Lebensgemeinschaft schädigen, kann also, wenn man ihn überhaupt ethisch werten will, nur als verwerflich betrachtet werden.

Die Begriffe Verwerflich, Unsittlich, Böse enthalten einen Tadel. Einem Tadel liegt auch immer eine Schuld zugrunde. An einem Naturgeschehen wie es eine Krankheit ist, hat aber niemand eine schuld im moralischen Sinne. Wenn wir also den Krieg als verwerflich bezeichnen, so ist es eine Konzession an eine ältere, naivere Betrachtungsweise, die jede menschliche Handlung auch ethisch werten will. In Wirklichkeit ist jedes Naturgeschehen jenseits von Gut und Böse, es ist entweder Leben fördernd oder Leben störend, gesund oder krankhaft.

Die Fähigkeit Gut und Böse zu unterscheiden wird von philosophischen und theologischen Ethikern dem Menschen schlichtweg zugeschrieben. Der Arzt aber kann diese Fähigkeit nur dem von äußeren und inneren Einflüssen dauernd freien Menschen zusprechen, den es jedoch in Wirklichkeit nicht gibt. Der Ethiker, der den kategorischen Imperativ ausspricht, wendet sich a priori nur an Menschen im Vollbesitz ihrer klaren Besonnenheit. Solche Menschen unterscheiden aber nicht nur Gut und Böse, sondern ihnen ist auch die Fähigkeit gegeben, Gesund und Krankhaft unmittelbar zu erkennen. Einem Menschen im Besitze seiner Besonnenheit leuchten Kriegshandlungen als krankhaft unmittelbar ein. Der bloße Anblick einer vorgehenden Sturmtruppe, einer Schar halbwüchsiger Burschen und alter Familienväter, die alkoholisiert durchs Sperrfeuer gejagt werden, das einmalige Beisammensein mit Menschen in einem von Gasgranaten geschossenen Unterstand, muß zur unmittelbaren und unbeirrbaren Erkenntnis führen, daß da das Reich des Wahnsinns herrscht. Dieses Reich dehnt sich im Kriege aber auch aufs Hinterland aus und die der Wirklichkeit abgelauschten Szenen in Karl Kraus' "Letzten Tagen der Menschheit" behandeln durchwegs Typen, die heute jeder als Krankheit erkennt.

Der Krieg ist also schon deshalb eine Krankheit, weil Kriegshandlungen einem gesunden Menschen unmittelbar als krankhaft einleuchten.

Es gibt kaum einen Philosophen, der sich nicht mit der Frage Krieg und Frieden einmal befaßt hätte. Ob sie nun zur Bejahung oder zur Ablehnung des Krieges gelangten, Philosophen kommt es nicht zu, über pathologische Erscheinungen zu meditieren. Immerhin wäre es aber Pflicht der zeitgenössischen Philosophie, den Widerspruch aufzuklären, der darin liegt, daß die Staaten der Erde zwar mit der Unterschrift unter den Kelloggpakt den Krieg geächtet haben, dabei aber ihre Bürger mit Gewalt zum Waffendienste zwingen. Mit Recht stellt Albert Einstein die Forderung auf, daß alle Staaten, die den Kelloggpakt gezeichnet haben, auch die allgemeine Wehrpflicht abschaffen und sich verpflichten, weder direkt noch indirekt oder moralisch ihre Bürger zum Waffendienste zu zwingen.

Ächtung des Krieges mit gleichzeitigem Zwang zum Kriegsdienste widerspricht nun allerdings der Vernunft und die Unvernunft, das Irrationale ist es, worauf die militärische Philosophie die Bejahung des Krieges allein stützen kann. "Nie weder Erdbeben" rufen die Militaristen jenen zu, deren Losung "Nie wieder Krieg" ist. (Mit diesem Gesinnungsmilitarismus setzt sich Max Scheler, der durchaus kein engagierter Pazifist ist, sondern sich zum sog. Instrumentalmilitarismus bekennt, gebührend auseinander.) Gewiß ist es nicht zu leugnen, daß das große Geschehen im Makro- und Mikrokosmos Gesetzen folgt, die dem vernunftgemäßen, kausalen Denken des Menschen unzugänglich, also streng genommen irrational sind. Zeit und Raum, Ursprung des Lebens und Ursprung der Bewegung, die bekannten Welträtsel, kann menschliche Vernunft nicht lösen noch deuten und fassen. Den Schlag des Herzens, das Wachsen der Frucht von Samen oder Ei bis zum vollkommenen Lebewesen, den Flug des Zugvogels von Afrika zu seinem Nest in einer versteckten Baumkrone unseres heimatlichen Waldes ohne Karte und Kompaß können wir bewundern aber nicht verstehen. Nicht dem Verstand folgten die Völkerscharen, die vor eineinhalb und zwei Jahrtausenden aus dem Innern Asien gegen Westen zogen und der Verstand schweigt auch, wenn in stiller verschwiegener Stunde der Hans zu Lieses Kammer schleicht.

Auch das Erdbeben ist irrational und auch Krankheit galt den Menschen, solange sie sie nicht bekämpfen konnten, gleich einem Erdbeben immer als Ausbruch elementarer, von höheren Mächten auf den Menschen losgelassener vernichtender Kraft. Als dann die fortschreitende Naturwissenschaft das Wesen der Krankheiten erkannte und die Mittel fand, um Seuchen auszurotten, verlor die Krankheit das Tabu, den Schleier des Übernatürlichen und Unheimlichen, von der Gottheit verhängten. Einmal zur Erkenntnis gelangt, daß der Krieg eine Krankheit ist, müssen wir als Ärzte unserer Ethik folgen und sagen: Nie wieder Krieg!

Sicher ist das Erdbeben irrational und der Krieg irrational. Der Begriff irrational umfaßt aber zwei verschiedene Inhalte, die immer durcheinander geworfen wurden, wenn Denker auf spekulativem Wege zur Bejahung des Krieges gelangten: Das Übervernünftige und das Unvernünftige. Die Bewegung der Erde, der Schlag des Herzens sind irrational, durch seine menschliche Vernunft restlos zu klären oder gar durch seinen Willen beeinflußbar, sind also superrational, übervernünftig. Der Krieg aber ist irrational im Sinne von Unvernünftig. Kriegshandlungen leuchten als seelisch krankhafte Phänomene, also als unvernünftig, jedem kritischen Beobachter unmittelbar ein. Der Krieg ist durchaus nichts Übermenschliches, sondern nach Max Brod ein untermenschliches Phänomen.

Für den Arzt aber ergibt sich aus der Erkenntnis, daß der Krieg etwas krankhaftes ist, eine ganz bestimmte Notwendigkeit: gegen ihn wie gegen jede Krankheit vorzugehen, seine Ätiologie, Pathologie, Therapie und Prophylaxe zu erforschen, um die Menschheit vor dieser Seuche zu bewahren.

Natürliche und menschliche Lebensgemeinschaft.

Leben ist nur in Gemeinschaft mit Lebendem möglich. Nirgendwo kann ein Lebewesen für sich allein bestehen. Ein Lebewesen macht dem anderen erst das Leben möglich. Alexander von Humboldt war es, der zuerst den begriff Lebensgemeinschaft prägte. Er sah, wie in der Natur ein Lebewesen auf das andere angewiesen ist und sah darin, wie ein Lebewesen dem anderen das bereitstellt, was es für sein Leben braucht und wie sich die Lebewesen zur Förderung der gemeinsamen Interessen zusammenfinden, ein zweckmäßiges Walten der Naturkräfte. Die Blute braucht das Insekt zum Übertragen das Blütenstaubes, das Insekt braucht die Blüte als Nahrungsspenderin.

Die Bedeutung des Begriffes Lebensgemeinschaft hat seit Humboldt mannigfaltige Wandlungen erfahren. Darwins Lehre insbesondere bedeutete für die Auffassung Humboldts von sinnvollen Zusammenschluß der Lebewesen zur Erhaltung des Lebens einen schweren Stoß. Der Kampf, der Kampf ums Dasein hat die lebende Welt geformt, lehrte Darwin. Alles was ist, ist durch den Kampf ums Dasein so geworden wie es ist, nicht durch Zusammenarbeit und Zusammenschluß. Alles Schwächere wurde im Kampfe ums Dasein besiegt und vernichtet. Was uns in der Natur zweckmäßig erscheint, das ist es nur deshalb, weil alles Unzweckmäßige im Kampfe ums Dasein schwächer war und unterliegen mußte. da blieb nur Zweckmäßiges übrig.

Ein solches Weltbild reizte natürlich auch die Kampfinstinkte des Menschen. Wenn der Kampf Gestalter des Lebens auf der Welt ist, dann hat Krieg und Kampf einen hohen Sinn. Aber die unendliche Mannigfaltigkeit der Lebewesen, das Sinnvolle aller ihrer Formen und Lebenserscheinungen schon in den frühesten, kampflosen Stadien ihrer Entwicklung und ihres Wachstums, hat nicht allein der Kampf schaffen können. Darwins Lehre konnte nur manche, nicht alle Fragen der Gestaltung der lebenden Welt lösen.

Aber eine Vorstellung von der Lebensgemeinschaft wie sie Humboldt hatte, holder Friede und süße Eintracht zwischen den Lebewesen zwecks gegenseitiger Erleichterung des Lebens, war seit Darwin unmöglich geworden.

In medio virtus. Der Zoologe P. A. Möbius studierte das Leben der Muscheltiere und fand, daß in einer Austernbank immer 94 verschiedene Tier- und Pflanzenarten beisammen leben. Nur durch das Zusammenleben sind die Lebensbedingungen aller erfüllt. Aber diese 94 leben nicht etwa jedes nur von den Abfällen des anderen, sondern, es frißt auch eins das andere. In der Lebensgemeinschaft hat jeder seine Freunde und jeder auch seine Todfeinde und diese beiden zusammen schaffen erst die Lebensbedingungen. Zur Lebensgemeinschaft gehört also sowohl Zusammenschluß als auch Kampf.

Eine universelle Bedeutung hat dem Begriffe Lebensgemeinschaft erst den Pflanzenphysiologe R. H. Francé gegeben. Francé sagt in seinem Biocönotischen Grundgesetz, daß jedes Lebewesen Beziehungen zu allen Lebewesen habe, die auf der Welt leben oder je gelebt haben. Dieses Gesetz auf die Austernbank angewendet: es gehören nicht bloß die 94 Tier- und Pflanzenarten dazu, die Möbius dort fand. Die dort leben, brauchen alle zu ihrem Leben das Meerwasser und dieses in seiner eigenartigen Beschaffenheit, die gegeben ist durch alle die unzähligen Lebewesen, die darin leben oder je gelebt haben und auch durch mineralische Bestandteile, die vom Festlande stammen, welches das Meer in früheren Zeiten deckte. Vom entlegensten Winkel des Festlandes bringen immer noch Flüsse und Bäche alle Arten von Stoffen zu, so daß ein Schalentierchen oder ein Pilz, die als Schmarotzer in der Austernbank leben, nicht zur Beziehungen haben zu ihren 93 engsten Kameraden, sonder zu allen Lebewesen der Gegenwart und Vergangenheit.

Diese Universalität der Lebensgemeinschaft hat R. H. Francé zu einer religiösen Weltanschauung vertieft. Das Leben, dessen wir teilhaftig sind, ist ewig und unzerstörbar. Der Düngerhaufen, der den Bauernhof verunziert, der war einmal hochorganisiertes Leben, das in Luft blühte und Früchte trug. Ebensolches wird aber wieder daraus in andere, in ihrer Art wieder vollkommener Form. Eingeordnet sein in dieses ewig sich erneuernde Leben, darin liegt der Trost für all die großen und kleinen Leiden, die uns treffen mögen. Wir sind unvergänglich und unzerstörbar, trotz allem was uns begegnet, weil wir ein Teil des Lebens sind.

Daß das Erleben des Menschen durch solche Betrachtung der Natur, wie sie Francé lehrt, reicher und innerlicher wird, ist nicht zu bezweifeln. Der Mensch wird durch sie zur Liebe und Achtung aller Lebewesen erzogen, gleich ob Mensch, Pflanze oder Tier, wie es besonders eindringlich und überzeugend auch der Francé nahestehende, an Gediegenheit und Tiefe ihn jedoch überragende A. Schweitzer predigt. Respekt vor allem Leben bildet auch einen integrierenden Bestandteil der Weltanschauung des Orientalen.

Wo der Mensch die Entwicklung der Lebensgemeinschaft nicht stört, dort leben wir die Natur in paradiesischer Schönheit, die die Seele erhebt und die Sinne berauscht.

Im vorhergehenden Abschnitt wurde als gesund das bezeichnet, was Leben und Lebensgemeinschaft fördert und als krankhaft das, was sie stört. Das ist der Grundsatz der medizinischen Ethik. Damit ist aber eine andere Lebensgemeinschaft gemeint als das Paradies der Natur in seiner unberührten Schönheit des Lebens, das wird, vergeht, und sich wieder erneut. Gemeint ist die menschliche Lebensgemeinschaft. Der Mensch stört, überall wohin er sein Fuß setzt, die Lebensgemeinschaft der Natur. Er steht außerhalb des Paradies als dessen Feind. Er wurde nicht aus dem Paradiese vertrieben, er hat sich selbst in bewußten und planmäßigen Gegensatz zu ihm gestellt.

Der Mensch wollte nicht in einem Paradiese leben, wo nur die Macht des Stärkeren gilt und der Schwächere womöglich bei lebendem Leibe gefressen wird. Seine Vernunft trieb ihn, das Paradies zu verlassen und sich das Werkzeug zu erfinden. Jedes Werkzeug dient der Vergewaltigung der Natur, dient dazu, dem Menschen das Leben auf Kosten der Natur zu erleichtern.

Die Menschheit hat zwei Möglichkeiten auf dieser Erde: entweder naturgemäß oder vernunftgemäß zu leben. Lebt der Mensch naturgemäß, dann muß er auf der Werkzeug verzichten. Dann verzichtet er darauf, sich gegen die Gewalt der Elemente, gegen Raubtiere und Cholerabazillen so wirksam als möglich zu schützen, dann wird der zahlenmäßige Bestand der Menschheit auf ein Minimum schrumpfen.

Lebt die Menschheit vernunftgemäß, dann hat sie ein Ziel: Möglichst vielen Menschen auf der Erde ein möglichst glückliches Leben zu ermöglichen. Die Menschheit hat sich nun einmal für das zweite, das vernunftgemäße Leben entschieden. Sie tat es, weil das naturgemäße den Tod des größten Teiles der Menschheit bedeutet und sie nicht den Tod, sondern das Leben will. Um ihr Ziel auf möglichst vorteilhafte Weise zu erreichen, um ihr Leben zu erhalten, muß sich die Menschheit zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, einer Lebensgemeinschaft, die wir in Gegensatz zur natürlichen die menschliche nennen wollen. Sie ist untrennbar mit der Kulturgemeinschaft verknüpft.

Die menschliche Lebensgemeinschaft ist begründet auf einer mit der fortschreitenden Kultur immer feiner verzweigten und geordneten Arbeitsteilung. Die menschliche Lebensgemeinschaft ist zugleich eine Arbeitsgemeinschaft. Im Kampfe um den besseren Arbeitsplatz, dessen Ertrag leichter und angenehmer ist, stehen nun die Menschen in ständigem Wettbewerb. Ständig messen sich Kräfte gegeneinander und das ständige Messen der Kräfte führt zum Fortschritt. Das Recht des Stärkeren setzt sich auch in diesem Kampfe durch. Aber überall, wo Menschen in geordneten Gemeinschaften leben, haben sie sich auf Gesetzte geeinigt, die festlegen, welche Kampfmittel erlaubt, welche verworfen sind, damit die jeweils Schwächeren nicht an ihrem Leben und ihren Lebensmöglichkeiten bedroht sind. Die Erhaltung des Lebens aber ist das Ziel jeder menschlichen Lebensgemeinschaft und ihrer derzeit höchsten Verkörperung, des Staates, bzw. des Völkerbundes.

In den Anfangszeiten der Völkergeschichte kam es vor, daß ein Volk in seinem Lande keine Ernährungsmöglichkeiten mehr fand und dann andere Länder sich finden mußte. Eine planmäßige Kolonisierung gab es damals noch nicht. Da mußten die Bewohner dieses Landes, das der Eindringling haben wollte, erst verdrängt oder getötet werden. Das war dann ein Kampf, der zwar grausam, aber berechtigt war, denn er bot dem Hungernden die einzige Chance sich zu erhalten. Und die andere Möglichkeit, selbst im Kampfe umzukommen, war immerhin noch annehmbarer als zu verhungern.

Heute sind die Staaten schon zu weit in der Kultur fortgeschritten, daß sie selbst in dem grausamsten Kriege nicht daran denken, die Einwohner des anderen Staates zu vertreiben oder zu töten, um ihr Land zu bewohnen und auszunützen. Warum werden also noch Kriege geführt? "Zwei Armeen, die einander bekriegen, sind eine Armee, die sich selbstmordet." (Barbusse) Dieser Selbstmord hat mit dem Kampf ums Dasein, wie wir ihn in der natürlichen Lebensgemeinschaft überall antreffen, nichts zu tun. Ein Volk kann das andere nicht vernichten, will es schließlich auch gar nicht.

Im Weltkriege hieß es, man kämpfe um die Rechte der kleinen Völker. Ihre Rechte sind seit dem Kriege nicht besser geworden, im Gegenteil, den Minoritäten geht es eher schlechter als vor dem Kriege. Auch die Demokratie galt als Kriegsziel. Nun, in den meisten der kriegführenden Staaten ist man gegenwärtig die Demokratie gründlich überdrüssig. Wirtschaftliche Gründe wurden vielfach genannt, aber die wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich seit dem Kriege bei Siege und Besiegten verschlechtert. Den Schwarzen verkündete man feierlich, die Deutschen hätten den Schädel eines Negerheiligen, der in ganz Afrika verehrt wurde, nach Deutschland verschleppt und damit sei Unglück über den ganzen Erdteil gekommen. Man rief die Neger zum heiligen Krieg um das geraubte Heiligtum auf und begeistert folgten sie dem Rufe. - Wirklich wurde die Rückgabe dieses Schädels durch Deutschland in den Friedensbedingungen der Alliierten verlangt. Als dann Stresemann meinte, der Schädel sei in Deutschland nicht aufzufinden, lächelte Briand, so genau brauche man es nicht zu nehmen, es könne irgendein Schädel sein. - Der Schädel des Häuptlings, die Demokratie, die Rechte der kleinen Völker, Kaiser und Vaterland - alles die gleiche Stimmungsmache. Weiße und Schwarze gingen auf den Leim. Nun sie darin picken, mögen sie sich die Köpfe darüber zerbrechen, auf welchen dieser Köder sich fangen zu lassen am pfiffigsten war.

"Es gibt überhaupt keine Idee, die es wert wäre, daß man ihretwegen Menschen opfert." (Popper-Lynkeus) Über den Sinn der massenhaften Menschentötung, über die Idee, die dem Krieg zugrunde liegt, wurde viel nachgedacht und viel geschrieben. Auf schicksalhafte Dinge, dem menschlichen Denken unverständlich, stoßen da die meisten Erklärer.

Man liest vom "Sinn der Geschichte", der in der Höherentwicklung des stärkeren und tüchtigeren Volkes liegt, und wo sonst, wenn nicht im Kampfe, können sich Völker aneinander messen? Da ist es nun sehr leicht, bei jedem Volke Vorzüge zu finden, die es vor allen anderen auszeichnen. Wenn das hochstehende Volk das minderwertige bezwingt, so ist das im Sinne der vom Schicksal oder der Vorsehung gewollten Hochentwicklung des Menschengeschlechtes. In den letzten tausend Jahren haben wohl aller Völker und Staaten Europas ihre Kräfte mit denen des Nachbars gemessen, und es bewährte sich einmal dieser, einmal jener als der Stärkere. Das Schicksal, das die Geschichte der Völker lenkt, auch Vorsehung oder Sinn der Geschichte genannt, erwies sich da als derart launisch, daß man aufhören sollte, an einen solchen metaphysischen höheren Willen zu apellieren. Und schließlich soll jene höhere Macht den Krieg als "Stahlbad" über die Menschen verhängen, um sie vor Erschlaffung und Verweichlichung zu bewahren. Und das schwere Leid, das der Krieg über die Menschen brachte , soll dann wie eine Askese des Leibes der Menschheit den Menschengeist zu um so höheren Leistungen führen. Das Vergleich zwischen den Neutralen des letzten Krieges und früherer Kriege mit den am Kriege beteiligten Staaten überzeugt sicher nicht von einem derartigen Nutzen des Stahlbades oder der Askese. Das Walten des Schicksals oder sonst eines höheren Sinnes kann der zu Mystik neigende Mensch schließlich in allen Dingen sehen. Aber hinter klaren, dem menschlichen Denken zugänglich Zusammenhängen wird der Wahrheitsuchende doch niemals dunkle Mächte suchen. Krankheit galt durch lange Jahrtausende als eine derartige dunkle Schicksalsmacht und man suchte immer einen hohen Sinn in ihr, heute nicht mehr.

Physische Erscheinungen, die in ihren Details schon längst als Krankheit erkannt sind, bilden die Kriegsursachen. Eine Reihe hochinfektiöser Veränderungen der Psyche des Menschen führen zum Kriege und unterhalten den Krieg, wie im Folgenden gezeigt wird.

In der natürlichen Lebensgemeinschaft aber gibt es keinen Krieg, worauf August Forel so klar hinweist. Es gibt Hunderttausende von Tierarten (Species), aber innerhalb der gleichen Tierart kommen Waffenkämpfe nur als Kuriosum vor. Die Ameisen verschiedener Stämme und der gleichen Art fallen, wo sie einander begegnen, über einander her. Sie kämpfen um des Kämpfens willen, solange, bis der schwächere Gegner vernichtet ist. Die überaus interessanten Studien des Zürcher Zoologen Brun über die Ameisenkriege werden viel zitiert, wenn Anhänger des Krieges ein Beispiel dafür anführen wollen, daß der Krieg etwas Natürliches ist. Man kennt im Tierreiche viele Beispiele von Kannibalismus, man kennt die Eigenart mancher Tiere, ihre Jungen aufzufressen, und doch wird es niemanden einfallen, damit den Kannibalismus unter Menschen als natürlich zu entschuldigen.

Wenn also die Verteidiger des Krieges sich auf Naturgesetze berufen und den Krieg in Analogie setzen mit den Kämpfen in der natürlichen Lebensgemeinschaft, dann haben sie falsch beobachtet. Kämpfe finden sich in der natürlichen und in der menschlichen Lebensgemeinschaft, Kriege nur in der menschlichen als psychische Massenerkrankung, die die anderen Geschöpfe verschont. Die einzige Ausnahme sind die Ameisen, bei welchen die Ktinomanie, die Mordsucht, physiologisch ist, während sie beim Menschen als Massenpsychose auftritt.

Schließlich ist der moderne Krieg so gut wie kein Kampf mehr. Er ist eher das Gegenteil: eine Vereinbarung. Ein Übereinkommen zwischen den Regierungen zweier Staaten, daß sie alle ihre gesunden Männer zu dem Zwecke bereitstellen wollen, daß sie sich solange wechselseitig maschinell zerhacken oder chemisch vergiften - von Handarbeit ist man fast abgekommen -, bis von dem einem Partner nichts, von dem anderen noch ein Rest übrig bleibt. Der Letztere hat dann gewonnen. Daß eine derartige Vereinbarung nur zwischen Geisteskranken möglich ist, liegt auf der Hand.

Die menschliche Lebensgemeinschaft dient der Erhaltung und Verbreitung menschlichen Lebens auf der Erde. Wohin der Mensch kommt, überall formt er die Erde so gut er kann, um sie seinen Bedürfnissen nutzbar zu machen. Er züchtet, duldet oder rottet aus Pflanzen- und Tierleben. Er kann nicht anders, er muß, wenn er leben will, anderen Lebewesen das Leben nehmen. selbst wenn er nur Früchte genießen wollte, die die Pflanze trägt, damit sie verzehrt werden, müßte er, um Pflanzen zu züchten, die solche Früchte tragen, andere Pflanzen ausrotten und Tiere vernichten, die diese Pflanzen schädigen.

Der Mensch kämpft gegen die Natur nicht ungestraft. Der Konflikt zwischen Natur und Vernunft ist es, der ihm zahllose Seelennöte schafft und Sorgen, die frühere, der Natur nähere Geschlechter nicht kannten. Seine Vernunft und sein Gemüt gebieten es ihm auch, die Natur zu erhalten, wo es nur möglich ist, Pflanzen- und Tierleben zu schonen und zu respektieren, wo es die Entfaltung menschlicher Lebensgemeinschaft nicht schädigt. Die Genüsse, die die unversehrte Natur ihm bereitet, bilden seinen tödlichen Erlebnisse.

Der ärztlichen Kunst und Wissenschaft aber obliegt es, die unvermeidlichen Schäden zu heilen, die dem Menschen durch seine Naturfremdheit entstanden sind und immer wieder entstehen. Zu ihnen gehört auch der Krieg.

Die treibenden Kräfte.

Krankheitseinsicht.

Den körperlich Kranken führt sein Krankheitsgefühl zum Arzte. Der seelisch Kranke weiß es oft nicht, daß er krank ist, er hat kein Krankheitsgefühl oder keine subjektive Krankheitseinsicht. Oft ist auch objektiv das Vorliegen einer Geisteskrankheit schwer zu erkennen. Weder der Kranke, dem das Krankheitsgefühl abgeht, wendet sich an den Arzt, noch die Umgebung, welche die Veränderungen seine Wesens nicht für krankhaft hält. Im Gegenteil, die Umgebung, die es von früher her gewohnt war, den jetzt Erkrankten ernst zu nehmen und sich ihm anzupassen, paßt sich auch diesmal seinem veränderten Wesen an. So kommt es, daß ein Ehegatte von den krankhaften Ideen seines paranoischen Ehepartners infiziert (induziert) wird und schließlich genau so erkrankt wie der erste. Wiederholt wurden Paranoiker*)<1> von einer großen Volksmenge als Propheten geehrt, und gefeiert und heilig gesprochen. Mancher Manisch-Depressive**)<2> wurde je nach der Phase seiner Krankheit als tollkühner, verwegener Held oder als Asket und Dulder angesehen.

Bei einer Massenpsychose, wie es der Krieg ist, gibt es nun mannigfache Umstände, die dazu führen, daß sie gar nicht als Psychose erkannt wird. Sie schädigt besonders die Urteils- und Willenskraft des Menschen und steigert den Affekt zu maßloser Höhe. Nun ist aber der Arzt, der in erster Linie krankhaftes Massengeschehen als krankhaft erkennen müßte, eben auch nur ein Mensch und unterliegt dem Infekt wie jeder andere. Er ist aber auch nicht frei und fühlt sich wie jeder andere Staatsbürger an die Staatsautorität gebunden, die die Kriegshandlungen gebietet. Ist der Krieg einmal ausgebrochen, dann ist ja eine sachliche Kritik der vorgesetzten Behörde nicht einmal erlaubt, kann sogar als Hochverrat oder Meuterei bestraft werden. Ferner: Was der Staat tut und was Staaten untereinander tun, das fällt ins Gebiet der Politik und Politik zu kritisieren, das fiel bisher nicht in das Kompetenzgebiet der Medizin.

Wenn sich aber der Arzt zum Grundsatz bekennt, daß es seine wichtigste und einzige Pflicht ist, Menschenleben und menschliche Lebensgemeinschaft zu erhalten und Krankheiten, die menschliches Leben und menschliche Lebensgemeinschaft bedrohen, zu bekämpfen, dann muß er folgerichtig nach bestem Wissen und Gewissen Krankheitserscheinungen dort feststellen und ihre Bekämpfung anbahnen, wo sie sich finden und woher immer sie ihren Ausgang nehmen. Im Falle einer Massenpsychose müssen sich die Ärzte zusammenfinden, um die Masse zur Krankheitseinsicht zu bekehren. Vorbedingung ist es allerdings, daß der Arzt selbst die Überzeugung hat, daß der Krieg als Ganzes eine psychische Erkrankung, psychopathisches Massengeschehen ist. Dann wird sich seine Kompetenz von selbst ergeben.

Ob körperliche Vorgänge normal oder krankhaft sind, dafür gibt es recht sichere Merkmale. Hingegen ist die Grenze zwischen solchen Handlungen, die einem normalen Seelenleben und solchen, die einem krankhaft veränderten Seelenleben entsprechen, unscharf und ihre Bestimmung unterliegt vielfach der gesellschaftlichen Konvention. Die Konvention nun ist nach Ort und Zeit verschieden. Wenn vor Jahrhunderten ein Mädchen der Hexerei beschuldigt wurde, dann wurde sie der Inquisition zugeführt. Heute würde der Kläger in diesem Falle für geisteskrank angesehen werden. Wenn jemand in einem Dorfe auf der Hauptstraße bei hellichtem Tage eine kleine Notdurft verrichtet, fällt sein Benehmen weiter nicht auf; in der Stadt hingegen würden ein solcher Mensch als geistesgestört gelten. Die Konvention wechselt auch nach der Zahl. Die Masse hat ihre eigene Konvention. Treten Menschen als Masse auf, da dürfen sich die Affekte ausleben, es ist erlaubt, sich ungehemmt auszutoben, während sonst von Einzelnen Mäßigung verlangt und lautes, unbeherrschtes Agieren als etwas Abnormes angesehen wird.

Nun gilt es ein Kriterium zu finden, das die Entscheidung ob seelisch krank oder normal von der Konvention unabhängig macht und damit auch klar anzeigt, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, daß der Arzt kompetent und verpflichtet ist einzugreifen, damit der Kranke seinen Schaden anrichte und andere Menschen nicht anstecke.

Seit alters her gibt es ein Kriterium dafür, ob ein Mensch geisteskrank ist oder nicht, beziehungsweise als Geisteskrank sozial ist oder nicht. Auf dem amtsärztlichen Zeugnis, daß die Einlieferung eines Erkranken in eine geschlossene Anstalt begründet, steht immer zum Schlusse die Formel: Da somit der Untersuchte Erscheinungen bietet, durch welche er sich und seiner Umgebung gefährlich werden kann, wird seine Einlieferung in eine geschlossene Anstalt veranlaßt. Wer also "gefährlich sich und seiner Umgebung" ist, muß als geisteskrank behandelt werden. Alles, womit das Leben des Menschen und der menschlichen Gesellschaft geschädigt wird, ist krankhaft, es muß aber dafür angesehen werden unabhängig von Ort, Zeit und Zahl, von jeder Konvention.

Wenn Menschen, die in Kriege einander töten, nicht als krank angesehen werden, dann hat es seinen Grund darin, daß der Staat in diesem Fall selbst unsozial, also krank ist und damit eine Konvention zu recht besteht, die eben auch Massentötung als moralisch und normal ansieht. Gegen sie muß sich der Kampf des Arztes richten; hier muß sich der Arzt außerhalb des krankhaften Massengeschehens stellen, von welcher Seite auch immer es geheiligt und protegiert wird. Gelangt er zur Krankheitseinsicht, dann ist es außer Zweifel, daß auch die Masse des Volkes seine Kompetenz anerkennen und selbst zur Krankheitseinsicht gelangen wird.

Die Krankheitseinsicht aber ist es, die bei den Psychosen, die nicht mit anatomischen Zerstörungen des Zentralnervensystems einher gehen, die Heilung anbahnt; vielfach ist mit der Krankheitseinsicht auch schon die Heilung vollzogen. Für die Kriegspsychose trifft das ganz sicher auch zu.

Endogene und exogene Krankheitsursachen.

Zum Zustandekommen einer Krankheit, besonders einer psychischen Erkrankung, gehören endogene und exogene Ursachen. Endogene nennen wir solche, die in der Natur des betreffenden Menschen selbst liegen, also Konstitution, vererbte Anlage, Kräftezustand. Die exogenen Ursachen treten von außen, von der Umwelt, an den Menschen heran, zu ihnen gehören also körperliche und seelische Traumen, Infektion, ungünstige Lebensbedingungen. Der Laie neigt dazu, die endogenen Faktoren zu unterschätzen und in den exogenen die alleinige Krankheitsursache zu suchen. Wenn eine Frau an der Grenze des fünften und sechsten Lebensjahrzehnts unter den Zeichen einer Melancholie erkrankt, kurz nachdem sie einen lieben Angehörigen durch den Tod verloren hatte, so führt der Laie diese Erkrankung auf diesen Trauerfall zurück. Der Arzt sieht aber darin nur das auslösende Moment und hält für wesentliche Faktoren, die zum Ausbruch der Krankheit beigetragen haben, das nachweislich vorhandene familiäre Vorkommen von Psychosen in der Aszendenz, dann das Alter der Patientin (Klimakterium) und ihre körperliche Konstitution.

Die wichtigsten endogenen Krankheitsursachen, die dem Kriege zugrunde liegen, sind die Wirsucht (der Herdentrieb) des Menschen und sein Hang zu Kollektivaffekten, ferner die Sensationslust. Der Zusammenhang dieser menschlichen Eigenschaften mit dem nervösen Charakter, mit der Neurose, soll erst in Schlußkapitel behandelt werden.

Als exogene Ursachen, die zu den endogenen hinzutreten und die Empfänglichkeit für Massenpsychosen soweit erhöhen, daß ein geringfügiger Anlaß genügt, um die Katastrophe herbeizuführen, sehe ich alle Erscheinungen an, die die Kriegsbereitschaft fördern und erhöhen, in erster Linie alle Mittel der militaristischen Propaganda. Auch die Not behandle ich unter den exogenen Krankheitsursachen, doch läßt sich eine strenge Grenze zwischen endogenen und exogenen gerade auf diesem Gebiete nicht bestimmen. Insbesondere geistige und seelische Not bedeutet eine Krankheitsbereitschaft, die sowohl durch äußere als auch durch innere Faktoren bedingt sein kann. Eine treibende Kraft wirkt aber bei allen Aktionen des Militarismus, ist bei den Kriegsvorbereitungen am Werk und unterhält den bereits ausgebrochenen Krieg: der Machtwille. Als endogener Faktor dem Kriegshetzer eigen, als exogener die ihm hörige Masse treibend.

Die Wirsucht (Der Herdentrieb.)

Eine Vorbedingung für das Entstehen einer psychischen Infektion ist die Umwandlung des Ich-Bewußtseins in ein Wir-Bewußtsein.

Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Er fühlt sich sicherer in Gesellschaft anderer Menschen, sucht Anschluß und Anlehnung von Kindheit an. Er teilt gern die Freunden des Daseins mit anderen, will aber auch Genossen haben, die ihm die Lasten des Daseins tragen helfen. Der Mensch hat seinen Trieb nach Freiheit und will dabei doch auch irgendwie bemuttert sein. Er braucht irgend eine Gottheit, die ihn schützt, er braucht jemanden, der über ihm steht und doch zu ihm hält. Fehlt der Gottglaube, dann ist es doch eine politische, humanitäre oder sonstige Interessengemeinschaft, in die er eingeschlossen sein möchte. Er hat das Bedürfnis, nicht immer im Ich zu denken und zu fühlen, sondern auch mal im Wir.

Aber der Hang nach Umwandlung des Ich im Wir, der Herdentrieb, wurzelt nicht allein in dem Gemeinsinn, des Menschen, sondern auch in seinen Geltungstriebe, seiner Eitelkeit. Eitelkeit und Geltungstrieb sind neben dem Selbsterhaltungstriebe die mächtigsten Triebe des Menschen. Der Mensch will nicht nur sich und seine Art erhalten, er will auch Anerkennung bei seinem Mitmenschen haben. Ohne sie erscheint ihm das Leben meist gar nicht lebenswert. Durch seine Eigenschaften und seine Leistungen Respekt bei den anderen Menschen zu gewinnen, ist aber ein Ziel, dessen Erreichung dem kleinen Manne nun einmal versagt ist und erringt er einmal Erfolge, dann gibt es immer wieder etwas, was ihn doch nicht recht zufrieden sein läßt. Das die Denkungsart des kleinen Mannes immer durchsetzende Ressentiment, das Rückschlagsgefühl, das zwingt ihn mit unwiderstehlicher Kraft, seine Erfolge mit jenen anderer, noch glücklicherer immer wieder zu vergleichen. Das Ressentiment treibt ihn aber auch dazu, seine Vergleichsobjekte so zu wählen, daß der Vergleich zu seinen Ungunsten ausfallen muß. Denn sich mit Kleineren, Schwächeren, Bedrückten, Ohnmächtigen zu messen, liegt nicht in seiner Natur. Er möchte groß sein, aber das Leben drückt ihn. Der Vorgesetzte im Amt, der Kunde im Geschäft, zu Hause die Familie mit immer neuen, bescheidenen und doch schwer erfüllbar Wünschen und Bedürfnissen erinnern ihn an seine Kleinheit und Hilflosigkeit, drücken sein Selbstgefühl und seine Stimmung.

So führt der Egoismus, die Ich-Sucht, der das Ressentiment entspringt, nie zu voller Befriedigung. Die Anerkennung und Bewunderung der Anderen, die der Durchschnittsmensch zur Befriedigung seiner Eitelkeit braucht, ist niemanden als bleibender Besitz beschieden, denn auch die Anderen sind ressentimental, eitel und egoistisch. So sind diese Anderen seine Götter und seine Widersacher zugleich und ihren Neid vermeidet er und ihre Zuneigung gewinnt er, wenn er mit ihnen einen Bund schließt und mit ihnen zu einer höheren Einheit wird, sich zu einem Kollektivum, einem Wir mit ihnen vereinigt.

Sofort hebt sich seine Stimmung wieder, wenn er abends dann mit seinen Freunden beisammen sitzt und es hört oder es auch nur in seiner Zeitung liest, wie wir Deutsche groß, wir Sozialisten stark, unser Sportverein siegreich ist. Es ist viel schöner ein großes wir als ein kleines Ich zu sein. Das Wir ist auch viel weniger ressentimental als das Ich. Ein großes Wir zu sein, dazu laden und locken tausend Dinge, das Ich aber, wenn es über seine bescheidenen Maße wachsen will, stößt es nur auf Widerstand oder Hindernisse.

So schafft sich der Mensch durch sein Wir auf billige und bequeme Weise erhöhtes Lebensgefühl und Lebensfreude. Sein Ich, das ihm niemals zur Quelle so hoher Befriedigung werden könnte, hört auf der Mittelpunkt aller Interessen, alles Denkens und Fühlens zu sein. Des Vaterlandes Macht, des Volkstums Ehre, die ihm eine immer neue, sonst unerreichbare Erhebung schaffen, gehen allen anderen Dingen voran, gelten mehr als persönliche Interessen.

Vaterland und Volkstum sind ein großes Wir, ein Kollektivum. Freiwillig geht der Kleine in ihnen auf, tauscht seine eigene Kleinheit gegen Glanz und Größe des Wir, des Kollektivum ein. Je mehr aber das Ich-Bewußtsein zurücktritt, um so mehr verliert die Persönlichkeit an Schärfe und Individualität, um so mehr wächst der äußere Schein über den inneren Werk. Die Selbstkritik schrumpft auf ein sehr bescheidenes Maß. Nicht mehr die innere Stimme der Vernunft und Besonnenheit entscheidet über Tun oder Lassen, die "Anderen" bilden das Publikum, dem man gefallen will, nach ihnen richtet man sich ein.

In ruhigen, normalen Zeiten ist selbst ein höherer Grad des Herdentriebes, der Wir-sucht, kein ernster Schaden für den Einzelnen und für die Gesellschaft; er ergibt, je nach der sozialen Schicht, in welcher der Betreffende lebt, den harmlosen Typus des Gschaftlhubers, Vereinsmeiers, Modegecken, Fußballfanatikers. Ein gewisser Grad von Altruismus, der, wenn er auch letzten Endes durch Eitelkeit bedingt ist, doch der Umgebung zugute kommt, macht den Typus des ausgesprochenen Wir-Menschen immerhin sympathisch.

Verhängnisvoll wird aber der Herdentrieb in schweren Zeiten. Wer da statt kritischer Prüfung der Situation und vorsichtiger Abwägung aller Möglichkeiten nur nach der Stimmung hin horcht, die um ihn herrscht und durch lange Übung vorbereitet, sich rasch einfühlt und anpaßt, wird in die Katastrophe hinein gerissen und reißt andere fort. Überall dort, wo der Herdentrieb über den Selbsterhaltungstrieb siegt, kommt es zu schweren psychopathischen Massengeschehen.

1 *)Als paranoisch bezeichnet man chronische Wahnbildungen von logisch-systematischem Aufbau ohne Zerfall der Persönlichkeit, z. B. in Form von Eifersuchts-, Liebeswahn, Propheten- und Erfinderwahn.

2 **)Als manisch-depressives Irresein bezeichnet man periodisches Auftreten von heiterer Verstimmung mit allgemeiner seelischen Beschleunigung (Manie) und trauriger Verstimmung mit Verlangsamung des seelischen Ablaufs (Depression, Melancholie.) nach Kretschmer.

Der Kollektivaffekt.

Unter Kollektivaffekt verstehe ich eine Art von Gemütsbewegung, welche dadurch gekennzeichnet ist, daß sie sich beim Einzelmenschen nur dann entwickelt, wenn sein Ich-Bewußtsein einem Wir-Bewußtsein gewichen ist.

Zwei Kollektivaffekte von größter praktischer Bedeutung sind Vaterlandsliebe und politischer Haß. Der Klang des Wortes Vaterland allein vermag die Menschenseele aus der Welt der Realität emporzuheben und zu den Höhen der Andacht und Erbauung zu tragen. Es ist unmöglich, ohne den Schein von Trivialität, Blasphemie, Sarkasmus aus dem Begriffe Vaterland das herauszuheben, was er an Realem, Greifbaren enthält*).<1> Geht man jedes Gefühls der Andacht bar daran, Vaterland und Volkstum zu analysieren, dann ist man überrascht darüber, wie leicht eine Prüfung dieser beiden, für das Leben der Gegenwart und insbesondere der jüngsten Vergangenheit so bedeutungsvoller und verhängnisvoller Affekte auf ihre Tiefe und Intensität bei jedem einzelnen Menschen durchgeführt werden kann. Man braucht dazu nur ein einfaches Reagens: Geld. Man nehme einen beliebigen Staatsbürger des Staates X und sage ihm, man garantiere ihm im Staate Y einen besseren Lebensstandard als im Staate X. Die Summe S, die notwendig ist, um ihn zum Aufgeben seines Vaterlandes X und zur Annahme des Vaterlandes Y zu bewegen, gibt die Größe seiner Vaterlandsliebe V an. Die Fälle, wo S gleich ist unendlich, werden zu den allerseltensten Ausnahmen gehören und nur dort anzutreffen sein, wo ein Mensch im Staate eine so glänzende Stellung hat, daß sie einfach nicht mehr besser denkbar ist, wo also schon der Staat X dem Bürger ein so großes S bietet, daß er mit Y gar nicht verhandeln muß. Fälle, die auf S gar nicht reagieren, es weder von X beanspruchen noch von Y annehmen, dürften sich kaum finden. Ganz analog ist die Größe des zweiten mächtigen und gefährlichen Kollektivaffektes meßbar, des politischen Hasses. Etwas, was das Mensch wirklich liebt, etwa sein Kind, verläßt er um keinen Preis.

Die Liebe des einzelnen Menschen zur Heimaterde ist also niemals unermeßlich, nie so groß, daß er nicht eine bessere gegen eine gewisse Entschädigung gegen sie eintauschen würde. Die Vaterlandsliebe ist immerhin bei der ländlichen Bevölkerung ungleich größer als beim Städter, bei welchem sich die Größe V durch ein verhältnismäßig sehr niedriges S ersetzen läßt.

Wie ist es nun mit der Liebe zum eigenen Volk bestellt? Die Volksgenossen, die der Einzelne kennt, liebt er nicht besonders. Daß ein Volksgenosse einen anderen Volksgenosse liebt, trotzdem der Andere bessere Erfolge im Leben gehabt hat als er selbst oder zum Anhange seines Konkurrenten gehört, das kommt nur ganz ausnahmsweise vor. Die er liebt, von denen hat er irgend einen persönlichen Nutzen oder denen geht es fast immer schlechter als ihm selbst, wenigstens in irgendeinem ihm wichtigen Belange. Ein persönlicher Vorteil oder bißchen Bedauern und Mitleid oder ein Gefühl eigener Superiorität ist immer dabei, wenn einer den anderen richtig gerne hat. Das ist aber doch nicht die wahre Liebe, keine Liebe, um derentwillen man sein Leben opfert. Und das taten doch Hunderttausende um ihres Volkstums willen im großen Krieg. Oder lieben die Menschen nur solche Volksgenossen, die sie nicht kennen? Vielleicht. Aber auch das ist dann nicht die wahre Liebe. Oder lieben sie nur das Volk und die Volksgenossen nicht? Das letztere ist der Fall. Der innere Widerspruch darin ist kennzeichnend für den Kollektivaffekt.

Wie ist es nun mit dem politischen Haß, dem Völkerhaß, dem Haß gegen den Erbfeind bestellt, der Millionen Menschen in den Krieg trieb? Es haßt ein Kollektivum das andere Kollektivum, ein rein begriffliches, fast abstraktes Etwas. Ein Einzelmensch haßt einen andere Menschen seiner fremden Volkszugehörigkeit wegen nicht und feindet ihn nicht an.

Ich lebe an der Sprachgrenze zweier Nationen, deren ständige Kämpfe die Spalten einzelner Tageblätter im In- und Auslande füllen. Die Menschen aber, Deutsche und Tschechen, feinden einander nicht an und streiten nicht mit einander. Das tun bloß die Parteiblätter. Im Konkurrenzkampfe wird manchmal das Schlagwort ausgegeben, es sollen Deutsche die deutschen, Tschechen die tschechischen Unternehmer unterstützen. Das hat mit Feindseligkeit nichts zu tun, ist eines der vielen unangenehmen Mittel im Kampfe ums Brot. Sie weichen einander auch durchaus nicht aus, sondern immer bemüht sich jeder Einzelne den anderssprechenden Nachbarn zu verstehen. Niemals ist die Nationalität Ursache persönlicher Zwiste und Reibereien. Das bestätigte mir auch ein hoher Gerichtsbeamter, der sich mit dieser Frage sehr eingehend beschäftigt. So gut wie niemals kommen Streitfälle, die sich aus nationalen Gegensätzen ergeben, vor Gericht. Das Volk selbst kennt keine Sprachenfrage. Es spricht jeder überall wie er kann oder wie er will und niemand nimmt Anstoß daran, bloß die Ämter. Die Ämter tun dies, damit der gewaltige Apparat, der der Sprachenfrage und den Sprachverordnungen dienen soll, seine Arbeit und seine Kompetenz sich erhalte und um zu verhindern, daß die vielen Arbeitnehmer dieses Apparats etwa arbeitslos und entbehrlich werden. Die Sprachverordnungen werden mit größter Spitzfindigkeit und viel Raffinement so herausgearbeitet, daß sie den Schwächeren, also hier den Deutschen, an seiner empfindlichsten Stelle treffen, ihm recht weh tun und als seine Nadelstiche ihn nie zur Ruhe kommen lassen, damit der Sprachenstreit, von dem eine große Gruppe von Bürokraten des Staats- und Parteidienstes lebt, ja nicht beigelegt werde. Hier ein Beispiel einer solcher Sprachverordnung: Budweis, das immer Budweis hieß, darf nicht mehr Budweis heißen, sondern heißt jetzt "Böhmisch-Budweis". Damit soll aller Welt klar gezeigt werden, daß die Prager Regierung das Recht und die Macht hat, ändernd in den deutschen Sprachschatz einzugreifen und damit soll für alle Zeiten die historische Tatsache konstruiert werden, daß die böhmischen Städtenamen niemals ursprünglich deutsch waren, sondern immer nur Übersetzungen aus dem Tschechischen sind. Deshalb kann eine Stadt, die tschechisch "Ceské Budojovice" heißt, im Deutschen niemals Budweis, sondern immer nur Böhmisch-Budweis heißen.

Wenn es nun doch einzelne Menschen gibt, und nicht bloß Ämter und Kollektiva die einen anderen seiner Nationalität wegen hassen, dann sind diese Hassenden doch durchwegs Menschen ohne inneren Frieden, die sich einen Sündenbock dafür suchen, daß sie mit sich und mit der Welt entzweit sind. (Der Haß ist hier Symptom einer Neurose.) Auch Unsicherheit der fremden Wesensart gegenüber ist oft die Ursache einer ablehnenden Stellung gegen den Fremden, die bei schwachen Menschen auch in Haß ausarten kann. Der fanatische Haß, mit dem der weiße Amerikaner dem Neger begegnet, ist uns Europäern schwer verständlich. Der Amerikaner hat vor allem dem Schwarzen gegenüber kein reines Gewissen; auch kann er es dem Schwarzen nicht vergessen, daß dessen Großvater Sklave war, und der Schwarze konnte in der dritten Generation noch keine Sklavennatur nicht ganz ablegen. Aber die großen Kriege der letzten Jahre wurden nicht zwischen Weißen und Schwarzen geführt, sondern zwischen europäischen Nachbarvölkern und für diese gilt das oben gesagte.

Nur die Kollektiva hassen einander oder lieben ihr Vaterland so, daß sie dafür ihr Gut und Leben opfern. Die einzeln Individuen der europäischen Kulturvölker haben für Vaterlandsliebe und Fremdenhaß sehr wenig übrig, trotzdem eine großzügige Propaganda für diese Dinge betrieben wird, von der noch unter den exogenen Krankheitsursachen die Rede sein soll.

Die Neigung des Menschen, ein Kollektivum, ein Wir, eine Herde zu bilden und als Kollektivum und nur als solches, nicht als Einzelner, für Affekte sensibilisiert zu sein, die über kurz oder lang zu den ärgsten Katastrophen führen müssen, bildet die bedeutsamste endogene Ursache der Krankheit Krieg.

Bedeutet nun diese Katastrophenbereitschaft des Menschen schon einen krankhaften Zustand? Ja! Ein Kollektivaffekt ist immer auf Illusionen aufgebaut, die für Realitäten gehalten werden. (Illusion ist eine wunschbetonte Vorstellung.)

Wenn der Primitive vor seinem Götzenbild aus Holz oder Metall kniet oder ein Tier als Gottheit anbetet, dann sieht er nicht das moderne Holz oder das rostende Metall, nicht die verblassende Farbe seiner Statue, sieht nicht das Tierische am Tier, sondern, da sie nun einmal zur Gottheit wurden, sieht er in ihnen alles ihm Unbegreifliche und Unvorstellbare, die wirkende Ursache des Natur- und Schicksalsgeschehen, die Leben und Tod, Glück und Unheil, Not und Überfluß bringt. Aber ebenso wie ein Stückchen Holz, mit dem das kleine Mädchen seine Puppenspiele spielt, ihm nicht ein Kind nur darstellen oder bedeuten soll, sondern ihm sein Kind wirklich ist, so ist dem naiv Gläubigen sein Bildwerk oder sein heiliges Tier nicht das Sinnbild des Göttlichen, (Sinnbilder gibt es gar nicht für einfache Gemüter) sondern ist die allmächtige Gottheit selbst. Und mag nun diese Gottheit ein Bildwerk, ein Tier, ein unsichtbarer Geist sein, immer bedeutet sie dasselbe, das, was sich die Phantasie hinter den sinnlich wahrnehmbaren Dingen als das Übersinnliche vorstellt.

Als mit dem zu Ende gehenden achtzehnten Jahrhundert die Völker des Abendlandes den frommen Glauben der Väter allmählich verloren, als dann führenden Geistern des Bürgertums der himmlische Vater und die Heerscharen der Engel und Heiligen nicht mehr Erbauung und Erhebung in höhere Sphären, sondern nur noch Konstruktionen naiver Phantasie bedeuteten, die fühlende Menschenseele aber im Rauschen des Waldes, im Blühen des Frühlings und im Gewittersturm auf Bergeshöhen doch noch mehr empfand als Farbe, Licht und Schall oder chemische und physikalische Effekte, da mußte wieder etwas Ewiges, etwas Göttliches entstehen, etwas, woran des Menschen sehnen und Fühlen sich wendet, irgend eine Religion. (Das Wort Religion hat den Stamm "lig", ligare heißt binden.) Mit etwas Höherem, Ewigem, das über den wahrnehmbaren Dingen steht, sich verbunden fühlen, ist einmal ein Bedürfnis, das dem Menschen immanent ist, zu seinem Wesen gehört.

Zur neuen Religion wurde das Vaterland und die Nation. Vaterland und Volkstum: Die Berge mit den schönen grünen Wäldern, die gefällt, verkauft und zu Papier verarbeitet werden, die Eisenbahnen und Fabriken, in denen die Menschen für Stundenlohn arbeiten oder vergeblich um Arbeit bitten, die Amtsstuben in den soviel geschrieben und gerechnet wird, die Städte mit alten Kirchen und Rathäusern und neuen Bank- und Krankenkassenpalästen, vollgestopften, dunklen Proletariervierteln mit durchschnittlich zwei Menschen auf einem Strohsack und Bars mit erlesenen Drinks und Girls und viele andere derartige bunte Dinge, die bilden zusammen das Vaterland und die Menschen die darin sind, das sind unsere Volksgenossen. Jeder von ihnen steht unserem Herzen so nahe wie wir ihm, ein wenig oder gar nicht.

Daß der Mensch sein Volk und sein Vaterland liebt und ihm schwere Opfer an Gut und Leben bringt, hat also in der religiösen Veranlagung des Menschen seinen Grund. Der Begriff Vaterland wird sublimiert, zum Heiligtum erhoben, losgelöst von allem sinnlich Wahrnehmbaren und Banalen, von allem Wirklichen, und es wird aus der Illusion eine Wirklichkeit.

Wie nun der Glaube an Gott oder Götter und Heilige den Menschen über die Wirklichkeit hinweg in höhere Sphären hob und wie dieser Glaube die Phantasie beflügelte und Wunderwerte erstehen ließ auf allen Gebieten künstlerischen und dichterischen Schaffens, so auch der Vaterlandsglaube, wenn auch in etwas bescheidenerem Ausmaße. Aber jeder Glaube an etwas Unwirkliches, jedes Verbundensein damit, jede Religion und jede Illusion hat außer dieser schöne Seite, die Menschen zu erheben und über das Irdische zu trösten und für das Söhne zu begeistern noch zwei andere Seiten: eine dämonische und eine hierarchische. Zu jedem Paradies und Himmel gehört eine Hölle, zu jedem Gott ein Teufel und zu jeder Religion gehört auch eine Kirche, gehören Priester. Auch sie sind Menschen und können die Idee verraten; dann wollen sie kaum noch der Gottheit dienen, sondern statt dessen die Menschen beherrschen.

Die dämonische Seite: Die Tiefe und Stärke eines Gefühls, die Qualität einer Stimmung, läßt sich auf die Dauer nur dann in hohen Lagen aufrecht halten, wenn ein entsprechender Kontrakt vorhanden ist. Der Stern des Glaubens konnte nur in der Nacht des Unglaubens strahlen; die Schwärzer dieser Nacht mußte aber ganz sinnfällig dem Gläubigen vorgeführt werden. Dann kamen dann die Ketzer vor das Tribunal der Inquisition, da brannten die Hexen auf dem Scheiterhaufen. Und je größer die Not dieser Erde war, Hungersnot, Pest und Krieg, um so strahlender die Seligkeit im Himmel. Der Leib muß leiden, daß die Seele erlöst werde. Da konnten dann der Leiden nicht genug erfunden werden; Schmutz, Krankheit, Tod und Verwesung wurden verklärt, heilig gesprochen und führten das mittelalterliche Europa jenen Zustände zu, die wir noch heute in weltentrückten Gegenden des fernes Ostens antreffen.

Der Weltkrieg führte uns die dämonische Seite des Vaterlandsglaubens mit einer Eindringlichkeit vor Augen, daß sich jede Wiedergabe von Einzelheiten erübrigt. Auch hier Verklärung von Schmutz, Krankheit, Leiden, Tod und Verwesung. Was einer naiven Gläubigkeit der Teufel war, das ist dem Vaterlandskämpfer der "Feind". Der Sieg des Feindes ist dem Sieg der Hölle gleichbedeutend.

Das Vaterland als Seelenheil, der Feind als Räuber der Seligkeit, das sind Vorstellungen, die das neunzehnte Jahrhundert geboren hatte, Vorstellungen, die aber erst in den letzten Jahrzehnten vor dem Weltkriege zur Reise gelangt waren.

Früher gab es keinen Kampf fürs Vaterland in unserem Sinne. Im Altertum war der Begriff Vaterland kein Kollektivum und war frei von jeder sentimentalen Sphäre. Als der Grieche bei Marathon kämpfte, da stand vor ihm der Perser und hinter ihm lag sein Vaterland. Alles, was er und seine Volksgenossen in schwerer gemeinsamer Arbeit aufgebaut hatten, das wollte jetzt der Barbar zerstören. Sein Haus und Hof würde er nie wiedersehen, wenn der Feind ins Land käme, das wußte der Kämpfer von Marathon und wußte auch, daß ihn der Feind erschlagen, sein Weib und seine Kinder martern und in die Fremde als Sklaven fortschleppen werde. Das war ein wirklicher Kampf um die Heimaterde, Familie, Leben und Besitz und solcher Art waren alle Kämpfe des Altertums, alle Kämpfe gegen vordringende Barbaren. Freilich waren die Barbaren auch oft die Angegriffenen.

Der Römische Staat und vor ihm alle Staaten, die sich zur Großmacht entwickelt hatten, waren auf der Macht des Terrors aufgebaut. Es herrschte ein kleiner Kreis von Herren über ein Heer von Sklaven; zur Sklavenarbeit gehörten auch Kriegsdienste. Der Krieg diente aber dazu, andere fremde Länder zu unterwerfen und auszurauben, um die Reichtümer des Siegerstaates ins Ungemessene zu vermehren. Der Sklave blieb aber weiter Sklave, der Reichtum, den er erkämpfte, floß nur wieder dem Reichen zu.

Der mittelalterliche Krieger war der Vasall oder der Knecht seines Herrn, von ihm empfing er sein Leben oder seinen Dienst und für ihn mußte er kämpfen, wenn jener bedroht wurde oder auszog, um seinen Besitz zu vermehren. Vaterland und Volkstum spielten überhaupt keine Rolle. Und später dann entschieden die Kriege nur Machtfragen zwischen weltlichen oder kirchlichen Fürsten. Auf beiden Seiten kämpften Söldner jeglicher Nationalität, die für den Herrn, der besser zahlte, ihre Haut zu Markte trugen. Und als die Fürstenmacht ihren Höhepunkt erreichte, das Volk leibeigen war, waren Krieger eine Handelsware, welchen die Fürsten je nach Belieben und je nach Geldbedarf nach auswärts verkauften.

So stand es in Europa in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Da waren es die Franzosen, die zuerst die Macht blutsaugender Tyrannen stürzten und die Souveränität des Volkes, der Nation, ausriefen. Zum erstenmal zeigte sich vor aller Welt die Macht des Volkes. Die Grande Nation stand nun im Siegesglanze da, als Verkünderin der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Napoleon kam, kämpfte für die Ideen der Grande Nation gegen reaktionäre Fürsten, siegte und unterlag. Die nationale Idee war durch Berührung der anderen Völker mit der Grande Nation wach geworden, bei den großen und bei den kleinen Völkern.

Daß aber Vaterland und Nation zur Religion, daß sie zum Mittelpunkte einer philosophisch tief durchdachten Weltanschauung wurden, das ist das Verdienst deutscher Denker. Wohl hatte der größte Deutsche, hatte Goethe das Wort geprägt, daß die Einäscherung eines Bauernhofes ein Unglück, der Untergang des Vaterlandes aber eine Phrase sei. Dann aber ist es Fichte, der im Volke die Verkörperung alles Göttlichen und Ewigen sieht, dann Schelling, welcher in der Geschichte lediglich das Walten der Vorsehung erkennt, so daß Geschichte, Philosophie und Religion eins werden. Hegel wiederum sieht im Staate den Weltgeist selbst, der sich in ihm zu wirklicher Gestalt und Ordnung entfaltet. Der Staat allein ist es, der der sittlichen Idee volle Wirklichkeit gibt. Hegel verlangt, daß man den Staat wie ein "Irdisch-Göttliches" verehre. Schleiermacher sah in seinem deutschen Volke ein Werkzeug des ewigen Gottes, der immer gegen das Böse kämpft. Deshalb ist der Krieg als gottgewollt mit tiefreligiöser Überzeugung wohl vereinbar.

Daß eine solche Weltanschauung in einer romantisch angehauchten Zeit die Dichter entflammt und die Jugend gewinnt ist verständlich. Wenn Geschichte Vorsehung, Volkstum Ewigkeit bedeutet, die Nation ein Werkzeug Gottes ist, dann ist der Soldat im Felde Vollstrecker des göttlichen Willens, da muß der Mann vor den Feind treten können wie der Bursch zur Bestimmungsmensur, da mußte dann die allgemeine Wehrpflicht und das Wettrüsten kommen und ein Massentod auf dem Schlachtfelde, wie es die Weltgeschichte vorher noch nicht gesehen hatte.

Es ist falsch und ein Unrecht gegen die Deutschen, wenn man in dieser Anschauung großer deutscher Philosophen die ideellen Grundlagen des Weltkrieges sehen will. Auf den Krieg eingestellt waren alle die Menschen, deren Vaterland die großen Militärmächte und ihre kleinen Nachahmer waren. Der deutsche Denker aber ist es, der das innige Bedürfnis fühlt, das, was sein Wesen erfüllt und durchdringt, auch tief zu ergründen, darüber zu sinnen und zu sprechen. Die anderen sannen, sprachen und schrieben wohl weniger als die Deutschen, taten aber das Gleiche.

Durch die Namen George Sorel, Jaques Bardoux, Barrès, Pégun, Bonald ist die französische Kriegsphilosophie ebenso unsterblich wie die deutsche. Die Engländer haben ihren R. Kipling, Italien seinen Gabriele d'Annunzio.

Das ist die dämonische Seite der neuen Religion der Kulturvölker. Die hierarchische Seite: Jede Schwäche eines Menschen bildet den Angriffspunkt für den Machtwillen des Stärkeren. Und es zeigte sich, wie schon einmal bei Begründung der Herrschermacht der Kirche, daß ideelle Bindung sich stärker erwies als gewaltsame Beherrschung. Denn an nichts hält der Mensch so fest wie an seinen Illusionen und nichts sehnt er inniger herbei, als daß eine autoritative Macht diese Illusionen sanktioniere.

Ungleich größer noch als je die Macht der Kirche war, ist der Besitz der heute herrschenden Macht, der Macht des Staates, unbegrenzt sein Verfügungsrecht über Leben und Eigentum des Bürgers. Weit verzweigt und straff organisiert ist die Kaste oder sind die Kasten, die diese Macht in der Hand halten. Die Diener des Staates, die hohen Bürokraten, sind die Herren über seine Bürger und regieren und verwalten zum großen Teil nicht um des Wohles der Gemeinschaft willen, sondern um des Regierens und Verwaltens willen, das ihnen Lebensunterhalt und Ansehen, in höheren Stellungen auch Macht sichert. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung in einer Gemeinschaft von Millionen von Menschen ist gewiß eine starke Organisation und Autorität nötig. Daß aber die Unterordnung unter eine Autorität zur Hörigkeit wird, deren letzte Konsequenz es ist, sogar voller Freude für das Vaterland in den Tod zu gehen, das ist nur möglich, wenn das Vaterland zur Gottheit wird, die Bürgerschaft zur Herde, die vom Kollektivaffekt besessen ist.

Nach dieser Betrachtung über die Auswirkungen des Kollektivaffektes können wir nicht daran zweifeln, daß er seinem Wesen nach krankhaft ist. Eine kleine Einschränkung: Das Kollektivaffekt wirkt wie ein Gift auf die Seele. Wie zahlreiche andere Gifte wirkt er in geringen Dosen anregend, in großen lähmend. Die schädigende Wirkung äußert sich im Nachlassen der Urteils- und Willenskraft des Menschen bis zu ihrem völligen Schwinden. Aber das Leben wäre arm und nüchtern, wenn sich nicht Menschen für eine Idee vereint begeistern könnten. Insofern bereichert und verschönert der Kollektivaffekt das Leben. Für Gifte, deren Angriffspunkt die Seele ist, gilt dasselbe wie für solche mit vorwiegend körperlicher Wirkung: Es kommt nur auf die Menge des Giftes an. Ohne Salzsäure im Magen und Nebennierensaft im Blute könnte kein Mensch leben und doch sind Salzsäure und Nebennierenhormon im Übermaß schädlich.

1 *)Manche der hier entwickelten Gedanken finden sich in Victor Marguerittes Buch "Vaterland" (Verlag Rowohlt). Ich schrieb dieses Kapitel im Oktober 1930, Marguerittes Buch erschien Anfang 1931. Die Übereinstimmung ist also zufällig.

Sensationslust.

"Novis rebus studere" lasen wir im Gymnasium immer wieder und übersetzten es eher schlecht als recht mit "nach Neuerungen streben". Die lateinische Redewendung drückt aber weniger eine Tätigkeit als eine Eigenschaft des Menschen aus, die darin liegt, daß sein Geist, so wenig logisch es klingen mag, Bewegung braucht, um Ruhe zu finden. Einen Ruhezustand, eine Reihe von schönen Tagen, erträgt der Mensch eine Zeit lang, und je nach seinem Temperament sucht er dann früher oder später eine Abwechslung. Er liest die Zeitung und liest Bücher, um etwas von bewegten Leben zu erfahren und daran, was die anderen Menschen erschüttert, teilzunehmen. Er liebt nun einmal solche Erschütterungen. Bezeichnend für die menschliche Denkungsart ist der Doppelsinn des Wortes Passion. Es heißt ursprünglich Leiden, dann aber auch das, was viele beim Leiden anderer empfinden, nämlich ein leidenschaftliches Vergnügen.

Leiden in großen Maßstabe war die rechte Nahrung für das Sensationsbedürfnis der Menge. In den Tagen des drohenden Kriegsausbruches, der Mobilisierung und der ersten Kämpfe standen die Menschen unter dem Eindrucke dieser ungeheuren Abwechslung, konnten nicht genug Großes, Neues und Schauriges erfahren, erfanden und kolportierten immer neue Schauermärchen. Die Kriegserklärung empfand die Mehrzahl als Erleichterung nach maßloser Spannung. Sobald sich nun das ganze Interesse den Feldgrauen zuzuwenden begann, da wollte jeder auch Gegenstand des großen Interesses, wollte auch feldgrau sein. Der bürgerliche Beruf freute die Menschen nicht mehr, dem besten Familienvater war der Kreis der Angehörigen daheim enge geworden, die Arbeit im Amt und in der Werkstatt erschien ihm niedrig und unwürdig. Wenn draußen so Großes vor sich ging, da wollte er auch dabei sein und mittun. Wenn auch nicht jeder kämpfen wollte, des Kaisers Rock wollte er tragen, sei es auch im Hinterlande oder in der Etappe. Nur aus seinem gewohnten, friedlichen Milieu herausgerissen werden, war das Ziel eines jeden, seine Abenteuerlust zu stillen, seinen Mut zu zeigen, trieb es den Mann, einen tapferen Sohn und Gatten zu haben, war der sehnlichste Wunsch der Frau.

Es sollten Illusionen wahr werden. Und für die, die daheim geblieben waren, gab es bald eine andere große Sensation: Das Geldverdienen. Not an Arbeitskraft und Not an Waren eröffneten ungeahnte Möglichkeiten reich zu werden. Was durch Arbeit und Sparsamkeit und Fleiß in einer Reihe von Jahren zurückgelegt worden war, das war plötzlich verschwindend klein gegenüber dem Gewinn weniger Wochen. Das elendste Unternehmen blühte auf, das minderwertigste Produkt war gesucht. Dazu jagte eine Siegesnachricht die andere: Kaum wurden die Fahnen eingezogen, gab es Anlaß zu neuem Flaggen. Zu Hause gab es Geld und draußen Ruhm, da sah man keine unzufriedenen Gesichter. Eltern, deren Sohn gefallen war, die waren Gegenstand allseitiger Bewunderung; da war der Schmerz im Rausche der Feste und Siegesjubel alsbald verblaßt. Die wirklich trauerten, die waren still wie die Toten selbst und störten nicht den tollen Jubel der Menge, die das hatte, was sie brauchte: Sensation und sich erfüllende Illusionen.

Die Sensationslust der Menge war es, die bei Kriegsausbruch jede Warnung besonnener Menschen unmöglich machte. Solange etwas da war, was die Illusionen nähren konnte, gab es keine Kriegsmüdigkeit. Sie ließen sogar den Hunger vergessen. Sensationslust war vielen Kriegsteilnehmern derart zum Bedürfnis geworden, daß sie ihnen die Rückkehr zum friedlichen Beruf erschwerte und zum Abenteuerleben und Blutvergießen auch nachdem Friedensschluß verführte.

Die Annahme, daß ein solcher Rauschzustand, eine Sensationslust, die immer wieder durch neue Sensationen gespeist und unterhalten werden muß und durch zahllose Blutopfer nicht beruhigt wird, krankhaft ist, bedarf keiner weiteren Begründung. Das "novis rebus studere" ist ein Agens, das in richtiger Dosis den Fortschritt der Menschheit fördert, ja, ihn allein bedingt: In großer Menge wird es zum Rauschgifte und der Rausch verleitet wie bei anderen Rauschgiften zu neuem Genusse, bis die lähmende Wirkung eintritt.

Wenn hier von Giften die Rede ist, dann soll der Ausdruck nur bildlich gemeint sein. Indessen ist die Annahme von Toxinen, die das Seelenleben vergiften, durchaus nichts Neues und Ungewohntes. Einzelne von ihnen kann man chemisch darstellen. Wir kennen das Gift, das die seelischen Veränderungen bei Basedowscher Krankheit bewirkt, wir nehmen solche Toxine aber auch bei rein psychischen Erkrankungen an, über deren anatomisches und chemisches Substrat wir noch sehr wenig sicheres aussagen können, z. B. beim zirkulären Irresein, bei der genuinen Epilepsie; wir nehmen als Tatsache an, daß das Jugend-Irresein von pathologischen Sexualhormonen ausgelöst wird. Die Beeinflußbarkeit der Affekte durch die Hormone und umgekehrt, die Beeinflußbarkeit der Drüsentätigkeit durch seelische Emotionen ließe auch die Annahme zu, daß beim psychopathologischen Massengeschehen eine Autointoxikation auf hormonalem Wege vor sich gehen kann. Es würden dann durch seelische Erregung Reize auf die Drüsen mit innerer Sekretion ausgeübt, welche ihrerseits ihre Stoffe in einer Menge und Beschaffenheit an das Blut abgeben, daß Urteils- und Willenskraft schwer geschädigt werden.

 

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Zuletzt geändert: 09.07.2006