Logo der DFG-VK Initiative Bundeswehr abschaffen
Aktuelles    Aktionen    Pressemitteilungen   
 

Aktuelles und Aktionen zum Pazifismus und Bundeswehr abschaffen


- Aktuelles

Ich bin stolz, ein Ostdeutscher zu sein

Meine ganz individuelle Wahlrede

Gerhard Zwerenz

Der Fuehrer erweiterte sein Reich bis Leningrad, Moskau und Stalingrad. Leningrad und Stalingrad heissen nun anders, doch die russischen und deutschen Toten liegen noch dort begraben. In Moskau aber belobigt Gospodin Putin den US-Bush-Krieger, den er sich gern als Praesidenten erhalten moechte, denn der sorgt fuer staendig eskalierende Amerikafeindschaft in aller Welt. 



In Bonn besorgten die Regierenden unter der Losung "Deutschland dreigeteilt � niemals" die Zweiteilung, bis Moskau das Politbuero an Helmut Kohl verkaufte und eine Einheit ausbrach, die mit viel gutem Willen und grossen Hoffnungen gepflastert war. Es wurden Arbeitslosigkeit, Insolvenzen und Kriege daraus, und wer beizeiten warnte, geriet unter boesen Linksverdacht. Bundestagspraesident Thierse sah den Osten auf der Kippe, wurde dafuer gerueffelt und uebt seitdem ein aufrechtes Schweigen, das er schon als DDR-Buergerrechtler in Kulturamtsstuben praktiziert hatte. Im uebrigen geht es im Osten wie vor der sogenannten Vereinigung zu. Der SED-Insolvenz folgte die Einheitspleite. Der Bankrott blueht und blueht, ganze Doerfer laufen leer, Schulen, Krankenhaeuser, Schwimmbaeder und Bibliotheken schliessen. Wer jung ist, will weg, aelter geworden fluechtet er in den Westen, bevor der auch im Ruin endet, den die hilflose Tante SPD durch Waehlervergraulen schon fleissig vorbereitet, waehrend die CDU auf ihre Chance wartet, ihre Waehler durch Sozialabbau gleichfalls scharenweise zu vertreiben. 



Noch aber ist Ostdeutschland ein wenig bevoelkert. Ostpreussen, Pommern, Schlesien und Sudentenland fielen den Folgen von Hitlerdeutschlands Politik zum Opfer. Wir wissen, was Heimatverlust bedeutet. Deshalb wollen wir unseren verbliebenen mitteldeutschen Osten erhalten. Vielleicht aus angeborener Anhaenglichkeit oder blosser Vernunft. Wir Ex-DDR-Buerger am frueheren Wohnort oder in der Diaspora wissen, wie schmerzlich Niederlagen wirken. Doch wir wissen auch, die Sieger ueberfressen sich oft an ihren Siegen. 



Ich bin stolz, ein Ostdeutscher zu sein. Die Hitler und Stalin kommen und gehen. Auch die Adenauer, Ulbrichts und Kohls. Schroeder hat schon aufgehoert mit dem Kommen. US-Soldaten und Rotarmisten reichten sich einst auf der Bruecke bei Torgau die Haende. Dann hauten sie ab nach Vietnam, Afghanistan und in den Irak zum Kriegfuehren. Wir Ostdeutschen ueberleben alle Besatzer. Selbst die vielen Milliarden, die das Kapital bei uns investiert, um sie wieder einzukassieren, reichen nicht aus, uns aufzukaufen. Als es Moskau versuchte, waren wir noch naiv und gutwillig. Wir allein blechten fuer ganz Deutschland mit unendlichen Kriegsreparationen. Als Kohl uns uebernahm, begriff er nicht, dass er keine Kolonie erworben hatte, trotz all der Verwalter, die er uns aufdrueckte. Wir Ostdeutschen wurden x-mal beleidigt, beschwindelt, verlaestert, enteignet und betrogen. Jetzt bedroht man uns mit der Demographie. Die einen wandern aus, die andern werden gar nicht erst geboren. Die kapitalen Ostlanderoberer sollten sich nicht zu frueh freuen. Irgendwann werden wir den Gebaerstreik aufgeben. Dem Sieg in den Betten wird der Sieg an den Wahlurnen nachfolgen. Und wohin sollen die letzten Westler dann entsorgt werden, wenn die Ostdeutschen den Trauermantel des eingeschuechterten Verlierers abstreifen und ihren produktiven Stolz hervorholen? Eines Tages werden selbst die stolzen Reichen, die im Kapitalismus wie in einem individuellen Kommunismus leben, einsehen, dass es nur noch um die Entscheidung zwischen den Weltkriegen des Kapitals und einem so menschlichen wie demokratischen Sozialismus gehen kann. "Ich bin stolz, Deutscher zu sein", ist ein saudummer rechter Spruch. "Ich bin stolz, ein Ostdeutscher zu sein" dagegen eine nuetzliche und notwendige Aussage. Ohne aufrechte Ostdeutsche und ihre Erfahrungen ist der Adler, das alte Wappentier, ein kranker Vogel mit gebrochenem linken Fluegel. Erst sollten wir Jahrzehnte hindurch von der Sowjetunion siegen lernen. Bis die Moskauer Genossen unsere DDR an die Westdeutschen verschacherten. Die predigen uns nun, der Export von Arbeitsplaetzen erzwinge den Ausverkauf des bisherigen Sozialstaats, mit dem man uns koederte. Leidgeprueft, doch nicht gewissen- und humorlos begreifen wir: Wer 150 Jahre deutscher Arbeiterbewegung mit dem Bankrott des Sozialstaates beenden will, kann nicht auf unsere Stimmen rechnen. 



Inzwischen ist schon wieder eine neue Geschichtsepoche angebrochen. Die schlingernde SPD sendet verschaemt SOS. 



Enttaeuschte SPD-Genossen und Gewerkschaftskollegen proben den Absprung von Godesberg und experimentieren in munteren Meetings mit einer neuen Parteigruendung. Was kann daraus werden? Politikwissenschaftler, die schon immer mit ihren Weisheiten auf dem falschen Fuss erwischt wurden von Klio, der Geschichtsverfaelscherin, reichen einander die Mikrophone. Vor den Kameras sitzen die Talkgoetter und lesen die Zukunft aus den Eingeweiden der Prominenzen und Exzellenzen. Ein Neptun, der sich Koehler nennt, ist an Bord des Flaggschiffs aufgetaucht und spielt den Kapitaen. Zungenflink gibt er den kuenftigen Kurs an und erntet Applaus wie Gottschalk in "Wetten, dass …" 



Ein Ruck geht durch die Mannschaft der Leichtmatrosen, und schon hockt man havariert auf den Klippen der Arbeitslosigkeit. Gemaechlich versinkt die SPD, der traege Tanker, in den Hochwasserfluten sozialer Unzufriedenheit. In der Hand der schwarzen superchristlichen Merkel flattert stuermisch eine Freibeuterflagge, die eine grausige "Angela 2020" nach der fuerchterlichen "Agenda 2010" androht. 



Waere ich Koehler, sagte ich: Die Vereinigung ist misslungen, weil wir die organisierten Dummheiten und Feindschaften beider deutscher Staaten miteinander vermischten. Das Ende der DDR erwies die Unfaehigkeit des sowjetischen Sozialismus. Der rheinische Kapitalismus war ebensowenig ueberlebensfaehig und endet im Berliner Sozialabbau. In seinen "Deutsch-deutschen Erinnerungen" schrieb Alexander Schalck-Golodkowski 2002, die DDR war "nicht in der Lage, Loesungen fuer die massiven Probleme zu entwickeln", was zweifellos richtig ist, doch sah er in der "Marktwirtschaft das effizientere System. Sie schafft … mehr gesellschaftlichen Wohlstand … Die Idee der sozialen Marktwirtschaft … finde ich heute ueberzeugend." 



Schrieb�s auf und verstarb, was ihn davor bewahrte, seinem sozialistischen Widerruf einen kapitalistischen anzuhaengen. Schalck: "Seit meinem Grenzuebertritt im Dezember 1989 hat sich nicht nur mein Leben, sondern auch mein Denken veraendert." Ostdeutsche, die nicht wie er von F.J.S. und dem BND aufgefangen wurden, haben ihr Leben und Denken auch veraendern muessen. Waere ich Koehler, sagte ich: Lasst uns nochmal von vorn anfangen und statt der Borniertheiten von Ost und West beider Weisheiten und Vorzuege vereinigen. Ich bin nicht der Bundespraesident, sag�s aber trotzdem. Lieber zwei halbe Deutsche als ein ganzer nationaler Schwachkopf, der mit Volldampf in die Krise donnert, weil�s eine wahnsinnig gewordene Finanz- und Politelite so will. Vor 1945 folgten sie der voranflatternden Fahne, heute ist es der Bankauszug. Mag sein, die Westdeutschen riskierten nie eine Revolution. Wir Ostdeutschen sind da um ein paar revolutionaere Niederlagen klueger. 



1932 schrieb Leo Trotzki: "Die gegenwaertige Todeskrise des Kapitalismus zwingt die Sozialdemokratie, auf die Fruechte des langen wirtschaftlichen und politischen Kampfes zu verzichten und die deutschen Arbeiter auf das Lebensniveau ihrer Vaeter, Grossvaeter und Urgrossvaeter hinabzufuehren." Wer haette gedacht, dass sich der Niedergang exemplarisch dort abspielt, wo einmal die Wiege der Sozialdemokratie stand, die von Schroeder und Genossen zum Sarkophag umgebaut wird. 





Exiliert, exekutiert, evaluiert 



Als Nazideutschland in Polen einmarschiert war, wurden zwischen zehn- und zwanzigtausend Professoren und Wissenschaftler puenktlich erschossen. Sowjetrussen, die ihren Teil Polens 1939 besetzten, erlaubten sich das Verbrechen von Katyn und fuellten ihre Arbeitslager mit der eroberten geistigen Elite. Als die Bonner Republik sich die DDR einverleiben durfte, wurde die Mehrzahl der DDR-Intellektuellen humanerweise nur evaluiert. Man spielte gerade mal wieder Demokratie und Kulturvolk. Waeren Ernst Bloch, Hans Mayer, Werner Krauss, Walter Markov, Fritz Behrens noch auf ihren Lehrstuehlen anzutreffen gewesen, haetten die Sieger auch sie aus den Universitaeten entfernt, denn fortan galt bewaehrter Antifaschismus im Verein mit nicht stromlinienfoermiger wissenschaftlicher Leistung als verfassungsfeindlich. Wer im "Dritten Reich" verfolgt, in der DDR behindert und belaestigt worden ist, der sollte seiner Gesinnung wegen in der Berliner Republik nicht ungeschoren davonkommen. Adolf Hitler: "Ich werde den Pazifismus, den Marxismus und das krebsartige Geschwuer der Demokratie ausrotten." 



Zum Aerger der Organisatoren war dieser Bloch zum Beispiel schon mit dreissig Jahren in die Schweiz emigriert, von wo aus er dem Kaiserreich nichts als die Niederlage wuenschte. Unerbittlich, wie er sein konnte, gab er dazu die Parole "Kampf, nicht Krieg" aus. Ab 1933 hetzte er erneut gegen Deutschland, diesmal aus dem Exil in Prag, Paris und den USA, wo er seine antifaschistischen Schriften verfasste. Nun weiss ja heute jeder national bewusste Deutsche, dass Antifaschisten feindliche Extremisten sind, so wie einst die juedischen Bolschewiki, die man allerdings inzwischen nicht mehr juedisch nennen darf, weil Bolschewiki auch ohne schmueckendes Beiwort schlankweg vernichtet werden muessen, wenn sie sich nicht selbst abschaffen. Schliesslich haben deutsche Helden im Jahr 1942 bei der Eroeffnung von Auschwitz jeweils einige hundert sowjetische Kriegsgefangene probe-erschossen und probe-vergast. Dass danach fabrikmaessig Millionen Juden vernichtet wurden, war falsch von diesem Hitler, der eben zu Uebertreibungen neigte, wie nach dem Krieg sogar einige Generaele einraeumten. Deshalb entschuldigte sich der FAZ-Leitartikler am 27. Januar 2005, dem Gedenktag zur Befreiung von Auschwitz vor 60 Jahren, indem er die Einmaligkeit des Holocaust eindeutig formulierte, jedenfalls in der ersten Spalte, und erst gegen Ende fuegte er den sowjetischen Mord an den Kulaken hinzu, weil eben kein einmaliges Grossverbrechen ohne ein vorangegangenes zweites geschehe, wie der Journalist exakt erlaeuterte. Und wenn ausser den sechs Millionen Juden, die im Holocaust umgebracht wurden, was wir laut FAZ als solitaer bedauern duerfen, noch zirka 45 Millionen andere Opfer zu beklagen sind, so muss das in Beziehung gesetzt werden zum sowjetischen Grossverbrechen des Kulakenmordes. Die mordsmaessige Ungeheuerlichkeit stammt weder von Friedrich Sieburg noch von Ernst Nolte, sondern von einem mainischen ehemals gruenen Sponti. 



Ernst Bloch uebrigens irrte fatal, als er sich an die Seite Stalins, Roosevelts und Churchills begab, wobei wir als Deutsche den USA und Grossbritannien alles verzeihen � ausgenommen den Bombenterror � weil sie uns schliesslich befreiten, waehrend Stalin, der kein Jude, aber Bolschewist war, uns besetzte. Merke: Mit Stalin gegen Hitler zu stehen ist undeutsch. Deutsch war und bleibt dagegen: Mit Hitler gegen Stalin. Und damit ist die satirische Einlage beendet, denn die pure Realitaet hat uns eingeholt. Heil Moelders, den die deutsche Nationalseele als Luftkriegshelden behalten will bis zum Juengsten Tag. Wofuer haben wir schliesslich unsere grosse Revolution von 1989/90? 





Der Lohn der Revolution 



Das wollen wir nun mal genau nachrechnen. Was ist bei der grossen Umwaelzung von 1989 fuer die vormaligen DDR-Buerger auf Euro und Cent herausgekommen? Ab Januar 2005 wird die Stuetze nach "Hartz IV", das Arbeitslosengeld II also, 345 Euro im Westen und 331 Euro im Osten betragen. Das sei zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, heisst es faelschlich, denn es ist falsch, soweit es den Osten betrifft. Wie wir wissen, ist ein Euro soviel wie zwei D-Mark, was schon 662 DM ergibt. Legt man den Wert der Westmark zugrunde, der fuenfmal so hoch war wie der einer DDR-Mark, erhoehen sich die 662 DM auf 3316 Ost-Mark. Wer haette, Hand aufs Herz oder den Computer, als DDR-Buerger jemals soviel Geld in die Finger gekriegt und auch noch ohne Arbeit? Da ist es nur gerecht, dass diejenigen, die noch Arbeit haben, ohne Lohnausgleich laenger schuften duerfen, damit weniger Werktaetige mehr Produkte herstellen und zugleich mehr Arbeitslose, die in den Genuss von "Hartz IV" kommen. In der DDR musste man fuer viel weniger Geld auch noch roboten und sich im Parteilehrjahr den marxistischen Quatsch vom Klassenkampf anhoeren. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 18. Juli 2004 ist der Wirtschaftsteil wahrheitsgemaess uebertitelt mit der Aussage: "Das Ende des Klassenkampfes". Deshalb feiern wir ja den 3. Oktober als Tag der Einheit. In den Medien waschen uns seitdem westliche Fachleute die Gehirne, waehrend 20 bis 30 theologische Widerstandskaempfer in der Gauck-Birthler-Behoerde darueber wachen, dass keine vormaligen IM-Klassenkaempfer die Ordnung spekulierender Milliardaere stoeren. Wenn Marx tot ist, haben seine Nachkommen mindestens scheintot zu sein. Zwar predigte die vormalige Goebbels-Lobrednerin Dr. Elisabeth Noelle in der FAZ vom 21. Juli 2004, man muesse "mehr miteinander sprechen", damit Deutschland zusammenwachse, statt im Zustand getrennter Staaten zu verharren, doch die Westdeutschen reden lieber separat mit ihresgleichen sowie den drei Dutzend theologischen Widerstandskaempfern aus der DDR, die als tapfere Buergerrechtler die Revolution zum Siege fuehrten. Das aufstaendische Volk freilich soll auch etwas davon haben, so stehen fuer die Empfaenger von Arbeitslosengeld II genuegend unrenovierte Plattenbauten zum Quadratmeterpreis von zwei Euro leer und bereit. Bis zu 25 Quadratmeter pro Person wird auch noch die Miete uebernommen. Da wohnen die Helden von 1989 dann mit sich und der Welt zufrieden in uebersichtlicher sozialer Ordnung und nehmen am freiheitlichen Fernsehen aktiv teil: Entweder ist Fussball, Tennis, Schwimmen bzw. Autorennen oder man erlebt die Tragoedien von Tannenberg bis Stalingrad. Hitler, Hindenburg, Stalin, Adenauer treten auf, Olympia wird zelebriert und Boxen am Samstagabend nach dem Wort zum Sonntag. Um 21 Uhr 45 versammelt sich sonntags die intellektuelle Creme de la Creme bei Christiansen � und das alles gibt�s zu den 331 Euro bzw. 3316 Ostmark noch verbilligt dazu. Dafuer hat es sich schon gelohnt, Revolution zu machen. 





Pathologische Faelle



Im Jahr vor dem Fall der Mauer reiste ich mit meinem Buch "Soldaten sind Moerder � Die Deutschen und der Krieg" von Stadt zu Stadt, und fuer die zahlreichen Streitgespraeche in Funk und Fernsehen stellte die Koblenzer Innere Fuehrung mehrere Oberstleutnante ab, die tatsaechlich etwas zu sagen hatten und den Eindruck einer gewissen strategischen Intellektualitaet vermittelten. Es gab eben Fortschritte. Marschierte die Wehrmacht noch bis vor Moskau, um sich blutige Koepfe zu holen, besiegten ihre nachfolgenden Bundeswehrgeneraele die hochgeruestete Sowjetunion vom Kartentisch aus ohne jeden Schuss. Tatsache, Stalingrad gibt�s nicht mehr, Leningrad wurde wieder Petersburg und Moskau braucht selbst zum Auftauchen seiner U-Boote westlichen Beistand. 



Mein Respekt vor der BW-Generalitaet litt erst ein wenig, als ich die Burschen etwas naeher kennenlernen musste. Kaum war so ein Naumann an die Spitze der Truppe gerueckt, gefiel er sich in Wehrmachtsromantik und faselte von Tapferkeit, Heldentum und tragischer Verstrickung. Die meisten Generaele landeten, kaum ausser Dienst gestellt, am rechten Rand, wo sie wie alte Schlachtroesser wiehern. Es gab aber auch Ausnahmen wie Joerg Schoenbohm, der im Bonner Verteidigungsausschuss als Staatssekretaer eifrig herumwuselte, aber von seinem Minister Ruehe possierlich an kurzer Leine gehalten wurde. Schoenbohms spaeterer weltweiter Ruhm ruehrte vom Sieg ueber die Nationale Volksarmee her, deren Generaele auf Gorbi-Anweisung die Pistole wie einen Loeffel abgaben. 



General Schoenbohm erhob sich heldenhaft auf die gestiefelten Zehenspitzen und beklagte, dass an der einstigen DDR-Grenze "Menschen wie Hasen abgeschossen" worden seien. Welch ein Fortschritt, dachte ich, wenn ein Nachfolge-General einige hundert Tote bedauert, nachdem seine Vorgaenger-Generaele -zig Millionen Menschen ohne Bedauern abschiessen liessen. 



Inzwischen zum Brandenburger Innenminister aufgestiegen, entwickelte sich unser Patriot weiter zum analysierenden Soziologen in Sachen verproletarisierter oestlicher Landbevoelkerung. "Toepfchen"-Pfeiffer hatte schon vor Jahren konstatiert, dass die gemeinsame Darmentleerung von DDR-Kleinkindern ueble kollektivistische Folgen mit sich brachte. Schoenbohm nun zog die Linie von den Nacht- zu den Blumentoepfen, in die eine von christlichen Eltern abstammende, jedoch DDR-sozialisierte Frau neun Neugeborene einpflanzte und auf den Balkon stellte, um, wie sie anmerkte, ihren Kindern "nahe zu sein". 



Zugegeben, seit unser General als Innenminister auch fuer das Innere von Pflanzgefaessen und Ost-Seelen zustaendig ist und sich so fundiert dazu aeussert, betrachte ich die vielen Blumentoepfe auf den Balkonen und in den Gaerten Brandenburgs etwas misstrauisch, denn so ein Innenminister, als Herr ueber die Geheimdienste, weiss natuerlich mehr, als er sagt, wenn er schon etwas sagt. Der beklagenswerte demographische Schrumpfungsprozess der Ostdeutschen und steigende Verkaufszahlen von Pflanzgefaessen machen es deutlich. Die Mutter der neun getoeteten Saeuglinge lehnte als gelernte Christin jede Form der Verhuetung ab. Ihre Untaten beging sie allerdings ueberwiegend nach dem Mauerfall und der sich anschliessenden Befreiung von den Arbeitsplaetzen.



Schoenbohm aber hat sich pathologisch im Fall einer pathologischen Kindsmoerderin um Kopf und Kragen sowie den Posten des Verteidigungsministers geredet. Angie mag den Mann nun nicht mehr. 



Waren das noch Zeiten, als wir 1988/89 ueber Tucholskys Satz "Soldaten sind Moerder" diskutierten. Nach anderthalb Jahrzehnten christlicher und sozialdemokratischer Freiheitskultur stehen unsere Soldaten als Friedensboten vom Balkan bis zum Hindukusch, von der KSK und ihren Toten in aller Welt nicht zu sprechen � darueber schweigt die Obrigkeit. Mag sein, irgendwann werden junge Leute erstaunt von uns wissen wollen, weshalb wir das zuliessen und nicht nachfragten. Nachgefragt haben wir schon, nur Antworten gab�s keine, und das war eben so in der Demokratie. Nachdem nun der bayerische Edmund den brandenburgischen Joerg sogar noch ueberstoibert hat und den Buergern der Ex-DDR mangelnde Entscheidungskompetenz und Intelligenz bescheinigt, was sie, von rechts besehen, wahlunfaehig mache, bekenne ich mich ausdruecklich und stolz als Ostdeutscher, obwohl ich das Land dort vor vielen Jahrzehnten verliess. Man lernt eben immer noch hinzu, wenn es gilt, das Grundgesetz gegen seine Verderber und Veraechter zu verteidigen. Da muessen plurale Sozialisten ran.


Den Artikel finden Sie unter:
http://www.jungewelt.de/2005/08-17/004.php

(c) Junge Welt 2005
http://www.jungewelt.de

Druckansicht
Aktuelles    Aktionen    Pressemitteilungen   
 
Logo der DFG-VK Initiative Bundeswehr abschaffen
Zuletzt geändert: 09.07.2006